Im Atombunker einen Atomkrieg überleben?

Von Florian Rötzer

Bild: Atombunkergelände in den USA. Screenshot You Tube Video

Die deutsche Außenministerin Annalena Baerbock ist vom Krieg angetan – und auch von der Kriegsvorbereitung oder der Kriegstüchtigkeit. Das Setzen auf Waffen, mit denen die Ukrainer dann für den Westen und den Sieg über Russland kämpfen sollen, hat sie immer wieder bewiesen. Je mehr und schwerer, desto besser. Sie hat auch verwüsteten Städte und die zerstörten Häuser in der Ukraine gesehen, weswegen sie ganz begeistert war, als sie im Frühjahr 2023 Finnland besuchte und die riesigen Bunkeranlagen unter Helsinki besichtigen konnte,

Die Bunkeranlagen sind überdimensioniert und bieten angeblich für 900.000 Menschen Schutz, mehr als die Hauptstadt an Einwohnern besitzt. Schutz vor Raketen, aber auch biologischen und nuklearen Waffen. Gerade bei letzteren fragt man sich, welchen Schutz Bunker wirklich bieten können, schließlich müssen die Insassen irgendwann wieder hinaus in die radioaktiv kontaminierte Umwelt. Sollte es zu einem Atomkrieg kommen, wird dieser nicht darin bestehen, dass eine Seite ein oder zwei relativ schwache, vielleicht auch nur taktische Bomben abwirft, wie es die Amerikaner mit Hiroshima und Nagasaki machten, sondern es würde wahrscheinlich die wechselseitig garantierte Zerstörung (MAD) mit weiträumigen Zerstörungen, großflächigen Kontaminationen und einem darauf folgenden nuklearen Winter stattfinden. Vielleicht könnten die Menschen, die gleich getötet werden, besser dran sein als diejenigen, die auf einen vergeblichen Notausgang hoffen und ein klägliches Siechtum fürchten müssen.

Wie auch immer, Baerbock schwärmte von der „Stadt unter der Stadt“ und erklärte: „In Sachen Zivilschutz ist Finnland Vorreiter in Europa und Vorbild für uns alle.“ Zivilschutz soll wohl bedeuten, Krieg führen zu können, ohne dass dies für viele Zivilisten lebensbedrohlich sein soll.

In einem Beitrag der gebührenfinanzierten Deutschen Welle Ende 2023 wird die Begeisterung über die „Unterwelt“ 30 Meter unter der Oberfläche fortgesetzt. Sie sei für den Kriegsfall gedacht, würde aber jetzt „einer der beliebtesten Spielplätze für klein und groß“ sein. Fitnessstudio, Parkplatz, Sportstätten, Kinderspielplätze, Schwimmbäder, Kirchen, Rechenzentren, Müll- und Geothermieanlagen, 280 km Versorgungstunnels, 24 km Wassertunnels und die Straßen gibt es in den Luftschutzbunkern. Das sei schnell in Schutzräume umzuwandeln, damit Menschen „über längere Zeit unten so leben können wie sonst oben“.

Beschworen wird dann die Möglichkeit eines russischen Angriffskriegs, weswegen die Finnen der Nato beigetreten sind. Seit dem Zweiten Weltkrieg müssen alle öffentlichen Gebäude und größere Häuser einen Schutzraum haben, seit den 1960ern werden die Bunker in den Granitstein hinein gebaut. Für die 10 Millionen Kubikmeter Stadt unter der Stadt gibt es auch einen Underground Master Plan. Aus Mangel an Platz wurden viele Nutzungen in der Untergrund verlegt, der Luftschutz kommt gewissermaßen hinzu und ist nicht der primäre Zweck. Insgesamt soll es 500 Luftschutzanlagen geben. Die Menschen, so der Kommentator des DW-Beitrags, wollen auf einen Krieg vorbereitet sein – „und sich schützen 30 Meter tief in den Bunkern unter der Hauptstadt“. Und das soll dann wohl auch ein Vorbild für Deutschland in Vorbereitung auf einen Krieg sein.

Weltweit, berichtet AP, gebe es weiterhin einen Boom für Bunker, die am besten auch vor Atomwaffen schützen sollen. Tatsächlich wächst die Gefahr eines Atomkriegs, zumal auch mehr Staaten über Atomwaffen verfügen als noch im Kalten Krieg, in dem sich nur zwei Staaten die wechselseitige Zerstörung zusicherten, aber auch die Bereitschaft vorhanden war, Abkommen zur Begrenzung und zum Abbau von Atomwaffen einzugehen. Mit drei und mehr Staaten ist die Situation – wie man auch an der Ampel sehen konnte – unsicherer geworden, zumal seit Jahren wieder ein nukleares Wettrüsten stattfindet.

Ron Hubbard, CEO von Atlas Survival Shelters, einer der weltweit größten Bunkerbauer, meint, dass die Menschen, zumindest die es sich leisten können, sich absichern wollen. Sie hätten die Einstellung, es sei besser, einen Bunker zu haben, als nicht. Covid, der russische Krieg gegen die Ukraine, der Gaza-Krieg und zuletzt die Demonstration der russischen Hyperschallrakete Oreshnik habe die Käufe nach oben getrieben. Seine Bunker, versichert Hubbard seien „für alles geeignet, von einem Tornado über einen Hurrikan bis hin zu nuklearem Niederschlag, einer Pandemie und sogar einem Vulkanausbruch“. Wenn es einen Atomkrieg gibt, glaubt er, könne man den gut überleben, wenn man den ersten Fallout übersteht.

Mark Zuckerberg etwa hat auf Hawaii ein Anwesen gekauft und sich einen Bunker bauen lassen, natürlich einen der boomenden Luxusbunker. Douglas Rushkoff hatte 2022 von einem Treffen Superreicher berichtet, die sich Gedanken darüber machen, wie sie sich vor drohenden Gefahren schützen können: „Ihr extremer Reichtum und ihre Privilegien haben nur dazu geführt, dass sie davon besessen sind, sich vor der sehr realen und gegenwärtigen Gefahr des Klimawandels, des Anstiegs des Meeresspiegels, der Massenmigration, globaler Pandemien, der Panik vor Einheimischen und der Erschöpfung der Ressourcen zu schützen. Für sie geht es bei der Zukunft der Technologie nur um eines: Flucht vor dem Rest von uns.“

Auch die Atomwaffenexperten vom Lawrence Livermore National Laboratory wollen die Menschen beruhigen und erklären, man könne sich retten, wenn man sich vor dem Fallout in Sicherheit bringe. Nach Berechnungen müssten die Menschen nur ein oder zwei Tage in den Gebäuden oder Bunkern bleiben. Die amerikanischen Katastrophenschutzbehörde FEMA ist symptomatisch. Sie rät, Schutz in Ziegel- oder Beton Gebäuden, am besten im Keller, zu suchen, dort 24 Stunden zu bleiben, nur abgepackte Lebensmittel zu essen und auf Anweisungen der Behörden zu warten. Zwar heißt es dann: „Be safe after“, aber da kommt wohlweislich nichts.

Einmal die Explosion mit dem Fallout überstanden, scheint es für die FEMA keine größeren Probleme mehr zu geben. Das ist natürlich absurd, weil die Langzeitfolgen der radioaktiv kontaminierten Umwelt mitsamt eines nuklearen Winters erst kommen und die in ihren Bunkern Überlebenden möglicherweise bedauern mögen, nicht gleich getötet worden zu sein. “Bunker sind in Wirklichkeit kein Mittel, um einen Atomkrieg zu überleben”, sagt Alicia Sanders-Zakre von International Campaign to Abolish Nuclear Weapons, “sondern ein Mittel, um es der Bevölkerung zu ermöglichen, psychologisch die Möglichkeit eines Atomkriegs auszuhalten.“ Die Reichen bringen sich vermeintlich in Sicherheit und können die Welt, geschützt in der Tiefe, untergehen lassen. Dass das bei einem Atomkrieg nicht langfristig funktioniert, kann die Ärmeren entschädigen, die sich keine teuren Illusionen leisten können.

Erstceröffentlicht im Overton Magazin v. 30.12. 24
https://overton-magazin.de/top-story/in-bunkern-einen-atomktirg-ueberleben/

Wir danken für das Publikationsrecht.

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