Anschlag von 1970: Münchner Neonazi statt Tupamaros als Täter

Bundesanwaltschaft nimmt neue Ermittlungen auf. Bundesregierung wollte dazu kein Geheimdienstwissen mitteilen

Von MATTHIAS MONROY

Der Anschlag war einer der großen Terror-Anschläge, die von Nazis begangen worden, an deren Aufdeckung weder die bürgerliche Politik noch die Exekutive ein ernsthaftes Interesse hatten. Stattdessen sind es entweder die Opfer selber, die als Täter ins Fadenkreuz genommen werden, so beim NSU, oder es ist die radikale Linke, der man solche Verbrechen gerne in die Schuhe schieben möchte. Dies war wohl auch beim Anschlag, um den es im folgenden Artikel geht, der Fall. Natürlich haben die Anti-Deutschen dieses Werk auf ihre Weise dann weiter gepflegt. Denn schließlich war ein so zu interpretierender Anschlag ein willkommenes Geschenk, um die Mär von der zentralen Bedetung des „linken Antisemitismus“ in die Welt zu setzen. Soweit sie selbst eine antinazistische Identität beanspruchen, haben sie hier ein fulminantes Eigentor geschossen. (Jochen Gester)

Bild: Gedenkort am Münchner Gärtnerplatz. Auf dem Gelände hielt Bundeskanzler Friedrich Merz im vergangenen Jahr zur Eröffnung der restaurierten Synagoge eine Rede unter Tränen. Wikipedia

Für eine Zündung am 9. November 1969 besorgte der Verfassungsschutzspitzel Peter Urbach, nachdem er zuvor bereits Molotowcocktails und Pistolen in der Studierendenbewegung verteilt hatte, eine Bombe, die dann in einem Getränkeautomat der Berliner Jüdischen Gemeinde deponiert wurde. Zum Gedenken der Novemberpogrome von 1938 befanden sich rund 250 Menschen in dem Gebäude – der Sprengstoff zündete aber nicht. Die Verantwortung für den Anschlag übernahm zwar die Stadtguerilla-Gruppe »Tupamaros Westberlin«. Deren Mitgründer Dieter Kunzelmann schrieb jedoch in seiner Autobiografie, eine solche Aktion verbiete sich »angesichts der deutschen Vergangenheit von selbst«.

Vier Monate später soll – nach bisheriger Lesart – aus demselben Milieu ein Anschlag auf ein ehemaliges Altenheim der Israelitischen Kultusgemeinde in der Münchner Reichenbachstraße erfolgt sein. Der Täter hatte Brandbeschleuniger im Treppenhaus verteilt und angezündet, fünf Männer und zwei Frauen erstickten im Rauch oder verbrannten an diesem 13. Februar 1970, einem Sabbat, in ihren Zimmern. Der den »Tupamaros München« zugeschriebene Angriff auf Jüd*innen war der bis dahin schlimmste nach Ende des Zweiten Weltkriegs.

Beide Taten galten der Bundesrepublik der 70er Jahre als Beleg, wie antijüdische Ressentiments unter dem Deckmantel des Antizionismus auch in der militanten Linken Einzug gehalten hätten. Warm gehalten wurde die These mit Bezug auf den Münchner Anschlag bis in die Zehnerjahre insbesondere von der Springer-Presse und dem Bewegungsforscher Wolfgang Kraushaar.

Nun erhält sie aber einen gehörigen Knacks: Wie der »Spiegel« vergangene Woche berichtete, geht der mehrfach tödliche Brandsatz wohl auf das Konto von Bernd V. Der 1944 geborene »Mann mit dem ›Hitler-Tick‹« sei ein mehrfach vorbestrafter Neonazi aus München gewesen, schreibt das Nachrichtenmagazin.

Ein naher Verwandter sei damals Teil einer »Einbrecherbande« des Verdächtigen gewesen, hatte eine Zeugin Ermittler*innen erzählt. Die Frau soll sich im Januar 2025 zunächst an Andreas Franck, Oberstaatsanwalt und Antisemitismusbeauftragter der bayerischen Justiz, gewandt haben, berichtete damals der Bayerische Rundfunk. Der »Spiegel« nennt nun Details zu ihrer Aussage.

Am Abend des Brandanschlags habe die Gruppe demnach erfolglos in ein Münchner Juweliergeschäft einbrechen wollen. Daraufhin soll V. angekündigt haben, das in unmittelbarer Nähe befindliche jüdische Gemeindezentrum anzünden zu wollen. Eine frühere Zeugenaussage zu Aussehen und Alter des damaligen Täters passt auf Bernd V.

Bereits als Jugendlicher soll V. durch Sprengstoffanschläge aufgefallen sein, später habe er schwere Einbrüche und Kunstdiebstahl begangen, außerdem Nazi-Devotionalien und Waffen besessen. Seinen »Hitler-Tick« erklärt der »Spiegel« durch die ideologische Prägung eines SS-Onkels.

Obwohl auch die Aussage eines ehemaligen Mithäftlings zu V. als möglichem Täter vorlag, wurde die Spur in den 70er Jahren nicht konsequent verfolgt. Nach der Zeugenaussage von 2025 leitete die Generalstaatsanwaltschaft München zunächst ein Prüf- und nun ein neues Mordermittlungsverfahren ein. Eine Strafverfolgung ist jedoch nicht mehr möglich: Bernd V. starb 2020, ebenso seine mutmaßlichen Komplizen.

Die Staatsanwaltschaft will aber ermitteln, ob es Mitwissende oder Helfende gab. Außerdem müsse aufgeklärt werden, warum Hinweise auf V. als Täter ignoriert wurden, als dieser noch zur Rechenschaft gezogen werden konnte, forderte Clara Bünger, innenpolitische Sprecherin der linken Bundestagsfraktion, am Sonntag in sozialen Medien: »Und wer in welchen Behörden wann was wusste.«

25 Hinweise auf mutmaßliche Personen aus dem Bereich der rechtsmotivierten politischen Kriminalität seien dem Bayerischen Landeskriminalamt zugegangen, hatte die Bundesregierung dazu 2020 auf eine Linke-Anfrage erklärt. Sichergestellte Tatmittel wie etwa ein Benzinkanister seien nicht mehr vorhanden. »Der Verbleib dieser Gegenstände konnte nicht nachvollzogen werden«, heißt es in der Antwort. Was die deutschen Geheimdienste zur Tat gewusst hätten, könne den Fragesteller*innen »wegen des unzumutbaren Aufwandes« nicht mitgeteilt werden.

Erst im September 2025 hatte Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) den Münchner Anschlag wieder ins öffentliche Bewusstsein gerückt: Bei der Wiedereröffnung der erst nach jahrzehntelangem Leerstand restaurierten Synagoge, die sich ebenfalls in der Münchner Reichenbachstraße befindet, verwies er auf die wenige Meter entfernte Gedenktafel.

Auf Täterthesen zu dem Brandanschlag ging Merz, dessen Rede wegen seiner Tränen in rechten Kreisen für Häme sorgte, nicht ein – vielleicht weil er bereits zum Verdacht gegen Bernd V. gebrieft worden war. Die Namen der Opfer des 13. Februar 1970 nannte der Bundeskanzler auch nicht: Siegfried Offenbacher, Rosa Drucker, Regina Becher, Dawid Jakubowicz, Georg Pfau, Leopold Gimpel und Max Blum, in Bayern, Breslau, Polen oder der damaligen Sowjetunion geboren, waren zum Zeitpunkt der Tat zwischen 59 und 71 Jahre alt.

Erstveröffentlicht im nd v. 2.2. 2026
https://www.nd-aktuell.de/artikel/1197294.neue-ermittlungen-anschlag-von-muenchner-neonazi-statt-tupamaros-als-taeter.html

Wir danken für das Publikationsrecht.

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