Der Kreml will Kriegsteilnehmer zur neuen Elite in Russland machen. In der Bevölkerung haben viele dagegen eine völlig andere Einschätzung von Soldaten
Von Roland Bathon
Für Russlands Präsidenten Wladimir Putin ist es ein persönliches Projekt: Veteranen der laufenden Ukraineinvasion sollen in wichtige Führungspositionen gehievt werden. Das exilrussische Expertenportal »Re:Russia« zählt die »Verherrlichung der Ukraine-Kämpfer zu den wichtigsten politischen Kampagnen des Kreml«, Putin habe in den letzten zwei Jahren die Veteranen nicht weniger als sechsmal öffentlich als neue »Elite« der russischen Gesellschaft bezeichnet.
Einige westliche Beobachter sehen das als Versuch, die kriegsbejahenden Kräfte im russischen System zu stärken. Die Hauptursache kann das aber nicht sein, denn Kriegskritiker finden sich selbst im erweiterten Führungskader des russischen Staatsapparates inzwischen nicht mehr. Im zivilen Politestablishment könnte die demonstrierte Kriegsbegeisterung kaum größer sein. Wer 2022 beim Ukraineüberfall nicht auf Linie war, wurde ausgetauscht, die Karriere beendet. Ein prominentes Beispiel ist der eher kriegskritische ehemalige stellvertretende Leiter der russischen Präsidialverwaltung Dmitrij Kosak.
Viele gaben in einer Umfrage an, dass der Krieg die Seelen der Soldaten zerstört hat.
Putin geht es mit seinem Veteranenexport in die Politelite vor allem darum, den von ihm persönlich begonnenen Feldzug aufzuwerten, indem er die »Helden« des Überfalls auf die Ukraine mit den anerkannten Helden des Zweiten Weltkriegs gleichsetzt. Es ist ein Vergleich, den er erst Ende 2025 im Staatsfernsehen wieder gezogen hat. Die Helden des Abwehrkampfes gegen Nazi-Deutschland gelangten in der unmittelbaren Nachkriegszeit oft in einflussreiche Positionen – das sollen jetzt auch die »neuen Helden«.
Dafür wurde mit »Zeit der Helden« sogar ein spezielles staatliches Programm aufgelegt, in das laut Onlinemedium »Wjorstka« vor allem Militärs ohne ernsthafte politische Ambitionen aufgenommen werden. »Wjorstka« beruft sich dabei auf Kreml-Quellen. Grund dafür ist, dass von Teilen der aktuellen Politikelite das Programm Putins hinter vorgehaltener Hand gar nicht so positiv gesehen wird, wie sie öffentlich propagieren. Denn es führt zu mehr Konkurrenz um gut dotierte Posten in der Politik und Verwaltung Russlands. Wobei weniger ambitionierte Personen im Apparat weniger Unruhe verursachen. Tatsächlich werden nach einer Analyse des Warschauer Russland-Fachmanns Milosz Bartosiewicz Veteranen nun häufig auf Posten gesetzt, die zwar prestigeträchtig sind, aber »weder wirkliche Macht noch Zugang zu bedeutenden Ressourcen« ermöglichen.
In der Politik waren bislang eher Vertreter des zivilen öffentlichen Dienstes wie Ärzte, Lehrer oder Beamte stark repräsentiert, Ex-Soldaten eher selten. Einige vorherige Zivilisten unter hohen Funktionären mutierten wegen der Vorlieben des Kremls dann seit Kriegsbeginn zu militärischen Kriegsteilnehmern. Wie die exilierte Zeitung »Nowaja Gaseta Ewropa« herausfand, kämpften jedoch 80 Prozent von ihnen nicht etwa an der Front, vielmehr ließen sie sich für einen »Dienst unter Vorzugsbedingungen« – also mit minimalem Risiko und Urlaubsunterbrechungen – einteilen. Die Zeitung sprach von einer »VIP-Front«.
Im Politik-Establishment ist also echte Begeisterung für Putins Initiative eher selten. Auch in der russischen Bevölkerung gehen die Ansichten über Kriegsteilnehmer weit auseinander, wie Umfragen des unabhängigen Lewada-Zentrums zeigen. Auf die Frage, was die Kriegsteilnahme mit den Soldaten mache, antworteten die Menschen diametral unterschiedlich von »der Krieg hat ihre Seelen zerstört« (41 Prozent) und »macht sie grausam und gewalttätig« (19 Prozent) bis hin zu »macht sie widerstandsfähig und mutig« (43 Prozent) und »macht sie intolerant gegenüber Bösem und Ungerechtigkeit« (17 Prozent) – Mehrfachnennungen waren möglich.4 Jahre Ukraine Krieg
Schüler lernen, wie man Drohnen steuert und repariert: Wir schildern, wie Russland und die Ukraine den militärisch-patriotischen Schulunterricht ausgebaut haben. In unserem Schwerpunkt finden Sie außerdem Beiträge über Kriegsgegner, Soldaten in der Politik und deutsche Neonazis in der Ukraine.
Dass nun diese Kriegsteilnehmer bevorzugt in Spitzenpositionen aufsteigen sollen, weckt demzufolge auch in weiten Teilen der Bevölkerung keine echte Begeisterung. Bei Lewada betrachteten nur etwa 40 Prozent der Befragten die Frontsoldaten als »Helden«, ein Viertel sieht sie eher als Opfer politischer Entwicklungen, 20 Prozent attestieren ihnen Grausamkeit und Gewaltbereitschaft. Angesichts einer Dauerbeschallung über Soldatenhelden durch staatliche und regierungsnahe Medien ist das ein erstaunliches Stimmungsbild.
Die Menschen machen sich keine Illusionen darüber, warum die Soldaten im Krieg kämpfen, da sie Frontteilnehmer oft selbst kennen. Als häufigste Motivation galt in einer Umfrage: Das würde »ihre materiellen Probleme lösen« – ein nachvollziehbarer, aber kein heldenhafter Ansatz. Auch dass zahlreiche ehemalige Strafgefangene und Beschuldigte an der Front sind, weil deshalb ihre Strafverfahren eingestellt wurden, ist in der Bevölkerung bekannt.
So sind Putins persönliche Helden des Ukrainekriegs nur für den harten Kern seiner Anhänger wirklich eine Gruppe, die einen bevorzugten Platz in den Reihen der Staatsspitze verdient. Mit echtem Widerstand gegen ein Projekt der unumschränkten Symbolfigur des russischen Regierungssystems ist deswegen aber nicht zu rechnen.
Erstveröffentlicht im nd v. 20.2. 20026
Putins Helden
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