Nur noch bei »besonderen Gründen« sollten Beschäftigte Anspruch auf Reduzierung der Arbeitszeit haben, schlägt die Mittelstandsunion vor
Von JANA FRIELINGHAUS
Bild: Screenshot You Tube-Video
Schon seit Mai vergangenen Jahres wettert Kanzler Friedrich Merz immer wieder darüber, dass viele Leute nicht mehr so richtig arbeiten, dass ihnen ihre »Work-Life-Balance« wichtiger sei. Und dass mit dieser Einstellung der wirtschaftliche Aufschwung nicht kommen könne.
Das inspirierte die Mittelstands- und Wirtschaftsunion (MIT) in der CDU nun zu einem Antrag an deren Parteitag Ende Februar. Sein Titel: »Kein Rechtsanspruch auf Lifestyle-Teilzeit.« Darin fordert die Gruppierung, das Recht auf Teilzeitbeschäftigung einzuschränken und es künftig nur noch »bei Vorliegen einer besonderen Begründung« zu gewähren. Zu diesen zählen das Erziehen von Kindern, die Pflege Angehöriger und berufsbegleitende Fortbildungen. Über den Vorstoß der MIT berichtete am Sonntag zuerst der »Stern«.
»Wer mehr arbeiten kann, sollte mehr arbeiten«, sagte die MIT-Vorsitzende Gitta Connemann dem »Stern«. Wegen des dramatischen Fachkräftemangels dürfe »freiwillige Teilzeit aus Gründen der individuellen Lebensgestaltung« nicht dauerhaft durch den Sozialstaat abgesichert werden. Entsprechend sieht der Antrag der Gruppierung auch vor, dass Teilzeitkräfte nur noch bei Vorliegen »besonderer Gründe« Sozialleistungen wie Grundsicherung, Kinderzuschlag und Wohngeld erhalten können. »Die Solidargemeinschaft darf nicht die Work-Life-Balance von Aufstockern finanzieren«, hieß es.
Ins gleiche Horn hatte zuvor auch der Vorsitzende der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, Andreas Gassen, gestoßen. Er kritisierte, dass Menschen, die freiwillig weniger arbeiten, um mehr Freizeit zu haben, weniger in die Sozialsysteme einzahlen, aber die vollen Leistungen beziehen.
Derzeit erlaubt es der gesetzliche Anspruch auf Teilzeit Beschäftigten unter bestimmten Voraussetzungen, ihre Arbeitszeit zu reduzieren. Bei vorübergehender Teilzeit kehren sie anschließend automatisch zur vorherigen Stundenzahl zurück. Sie müssen ihren Wunsch nicht inhaltlich begründen. Unternehmen können den Antrag nur aus gewichtigen betrieblichen Gründen ablehnen.
Die Forderungen der Mittelstandsunion riefen indes nicht nur bei der demokratischen Opposition Protest hervor, sondern auch bei der mitregierenden SPD und beim CDU-Sozialflügel. »Ich würde mir auch wünschen, dass mehr Menschen in Teilzeit, die sie oft als Teilzeitfalle empfinden, wieder auf Vollzeit wechseln«, sagte Dennis Radtke, der Vorsitzende der Christlich-Demokratischen Arbeitnehmerschaft (CDA), den Zeitungen der Funke Mediengruppe. »Dafür müssen wir aber die Rahmenbedingungen bei Kinderbetreuung und Pflege verbessern.«
Scharfe Kritik kam aus der Linken. Der Vorschlag zeige, dass relevante Teile der CDU Beschäftigte in Deutschland »zu Bittstellern degradieren und ihnen ein mühsam erkämpftes Recht nach dem anderen nehmen wollen«, konstatierte Sören Pellmann, Ko-Vorsitzender der Linksfraktion im Bundestag. »Für Menschen gibt es viele individuelle Gründe, in Teilzeit zu arbeiten – dafür sollten sie ihren Arbeitgeber nicht um Erlaubnis bitten müssen, sondern ein Recht darauf haben«, sagte er der Nachrichtenagentur AFP am Sonntag. Viele Menschen, insbesondere Frauen, wollten zudem »gern mehr arbeiten, aber fehlende Kinderbetreuung oder die Pflege von Angehörigen zwingen sie dazu, in Teilzeit zu arbeiten«. Außerdem führten »permanente Überstunden, Stresserkrankungen und andere gesundheitliche Gründe« dazu, dass Menschen die Notbremse zögen und ihre Arbeitszeit reduzierten.
Die stellvertretende Vorsitzende der SPD-Fraktion, Dagmar Schmidt, findet, die Mittelstandsunion schade mit ihren Forderungen dem »Zusammenhalt in unserem Land«. Es sei »außerordentlich widersprüchlich«, einerseits den Beschäftigten im Land Faulheit zu unterstellen und sie zur Mehrarbeit zwingen zu wollen und andererseits »Menschen abzuschieben, die integriert und in Ausbildung und Arbeit sind«. Schmidt findet es sinnvoller, in »Bildung, Qualifizierung, Forschung, Entwicklung und höhere Produktivität« zu investieren. Das unterstütze Wirtschaft und Wachstum, »nicht das Schleifen hart erkämpfter Arbeitnehmerrechte«.
»Wer mehr arbeiten kann, sollte mehr arbeiten«, sagte dazu die MIT-Vorsitzende Gitta Connemann dem »Stern«. Der Flügel begründet den Vorstoß mit dem Fachkräftemangel in Deutschland. Deshalb dürfe »freiwillige Teilzeit aus Gründen der individuellen Lebensgestaltung« nicht dauerhaft durch den Sozialstaat abgesichert werden.
Der Grünen-Arbeitsexperte Armin Grau bezeichnete es mit Blick auf die Äußerung »Lifestyle-Teilzeit« als »respektlos«, derart über hart arbeitende Menschen zu sprechen. Auch er verwies auf fehlende Kinderbetreuungsangebote, die Frauen an mehr Berufstätigkeit hinderten. Es brauche zudem mehr »Prävention und Gesundheitsförderung«, weil viele aufgrund hoher Belastungen am Arbeitsplatz und psychischer Erkrankungen in Teilzeit gingen. Hier komme »die Regierung nicht ins Tun«, so Grau.
2024 arbeiteten in Deutschland laut Statistischem Bundesamt in Wiesbaden 29 Prozent der Deutschen in Teilzeit. Bei den Frauen waren es 49 Prozent, bei den Männern zwölf Prozent. 2025 soll die Teilzeitquote auf 40 Prozent und damit auf Rekordniveau gestiegen sein. Das führte nach Erkenntnissen des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) bei der Bundesagentur für Arbeit aber nicht dazu, dass das Arbeitsvolumen insgesamt gesunken ist. Denn Teilzeitbeschäftigte arbeiten demnach heute mehr Stunden als in früheren Jahren, zuletzt im Durchschnitt gut 18 Wochenstunden. mit Agenturen
Erstveröffentlicht im nd v. 25.1. 2026
https://www.nd-aktuell.de/artikel/1197100.cdu-arbeitszeitdebatte-cdu-wirtschaftslobby-greift-recht-auf-teilzeit-an.html?sstr=Jana
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