Wie Kriegsjournalisten in deutschen Medien aufrüsten. Und sich dafür sogar in die Weiten des Weltalls begeben
Von STEFAN BERKHOLZ
Collage: Jochen Gester
Das die vorherrschende Journalistik in diesen aufgewühlten und orientierungslosen Zeiten leistet, ist empörend und bedrohlich zugleich. Nicht die Verbreitung von Friedensgedanken begreifen sie als ihre Aufgabe, sondern Trommeln für kommende Kriege in allen Schattierungen.
Ein besonders hervorstechendes Beispiel erschien vor ein paar Tagen, am 14. Januar, in der »Süddeutschen Zeitung«. Die Überschrift stimmte die Leserschaft auf das Interview hübsch ein: »Sollte ein Krieg ausbrechen, wird der Weltraum zu einem entscheidenden Faktor«. Zwei Journalisten, Thomas Fromm und Dieter Süring, fachsimpeln mit Generalmajor Michael Traut, bei der Bundeswehr für die Weltraumsicherheit verantwortlich. Drei taffe Kerle in trauter Runde. Wie Schulbuben befragen die beiden Journalisten den Uniformierten, geben sich als Stichwortgeber und lassen das Thema Krieg im Weltall von allerlei Seiten beleuchten. Eine Freude für jeden Militär.
»Ist der Krieg da oben schon im Gange?«, fragen Fromm/Süring. »In gewisser Weise schon«, schlägt der Generalmajor die Hacken zusammen, »Russland und China haben gezeigt, dass sie Satelliten im Erdorbit zerstören können. Das All sei »kriegsentscheidend«, wissen die Schulbuben aus einem vorangegangenen Interview zu berichten und der Generalmajor dankt ihnen für den Hinweis. »Sollte ein Krieg ausbrechen, wird der Weltraum zu einem entscheidenden Faktor«. Wie aus der Pistole geschossen, folgt die nächste Frage: »Dass wir jahrelang mit zu romantischem Blick in den Sternenhimmel geschaut haben, rächt sich heute?« Der Generalmajor stimmt mit zackigem »Ja« zu. »Russische und chinesische Aufklärungssatelliten parken zum Beispiel neben westlichen Kommunikationssatelliten ein, um sie abzuhören.« Na klar: Spionage aus dem Osten ist gemein und hinterhältig, die aus dem Westen ist normal, denn: Der Westen will ja keinen Krieg. »Wir müssen fähig sein, deren potenzielle Startplätze und Flugwege zu überwachen – und zwar mit Hilfe satellitengestützter Frühwarnsysteme.« All das zur Sicherung des Friedens, versteht sich.
Wie friedliebend der Westen im Moment ist, beweist auf beeindruckende Weise Kamikaze-Dagobert (Trump) oder auch Gaza-Bennie (Netanjahu). Und im Zeitalter von Fake News und Orwells Neusprech können nun sogar schon Kriegstreiber zu Friedensnobelpreisträgern werden, wenn auch zunächst nur auf Pump.
Es wird getrommelt und trompetet, Kriegshysterie geschürt.
»Wäre das eine Option für Sie – die Zerstörung russischer oder chinesischer Satelliten?«, fragen Fromm/Süring. – »Als Militär muss ich über alles nachdenken«, sagt der Soldat. – Welche Eingreifoptionen sein Weltraumkommando denn überhaupt habe, wollen die Interviewer wissen. – »Mit 180 Leuten noch überschaubar, wir werden aber in den nächsten Jahren deutlich wachsen«, frohlockt der Offizier. – »Was kalkulieren Sie dafür?« – Schwer zu sagen, antwortet Michael und verweist auf einen »signifikanten Anteil auf der 35-Milliarden-Euro-Liste des Ministers«. – Die Fragenden sind besorgt: »Das Geld dürfte aber so nicht ausreichen.« – Schon gibt sich der Soldat »ganz optimistisch« und verweist nun auf ganz neue Felder zur Aufrüstung, nämlich die darbende Automobilindustrie Deutschlands. »Enormes Potenzial«, wittert der Generalmajor. – »Die hat im Moment sowieso weniger zu tun«, murmeln die medialen Kriegssüchtigen. Und der Generalmajor verweist frohgemut auf »Rheinmetall, die dafür in Neuss ein Automobilzulieferwerk in eine Satellitenfabrik umbauen. Von Autos zu Satelliten – genau das ist ein Weg!« Die »Kultur der Risikovermeidung« müsse sich wandeln, »also müssen wir Dinge schneller, flexibler und agiler vergeben und auch mal ins Risiko gehen«.
Sind die Interviewer in ihrer Kindheit zu kurz gekommen bei den Sandkastenspielen? Fantasielosigkeit und Verblendung nahe dem Irrsinn: Tod, Vernichtung, Verstümmelung, Untergang werden ausgeblendet?
Dieses Beispiel ist leider keine Ausnahme in diesen Zeiten. Das Hauptstadtblatt, der »Tagesspiegel«, bat am 15. November 2025 auf seinen Gesundheitsseiten einen Chefarzt zum Interview, will wissen: »Wie gut sind deutsche Kliniken auf einen Krieg vorbereitet?« Am 26. Oktober titelte das Blatt: »Dobrindt will schon Schüler auf möglichen Krieg vorbereiten«; am 24. Oktober: »Bundesamt gibt Bürgern Ratschläge für den Fall von Luftangriffen auf Deutschland«; und am 13. Oktober kam der BND-Chef zu Wort: »Wir stehen schon heute im Feuer«. Am 12. Oktober erfuhren die Leser: »Russland könnte Nato früher bedrohen als erwartet«. Und am 7. Oktober: »Militärexperten sehen ›Phase 0‹ erreicht: ›Könnten Vorbereitungen für einen Krieg zwischen Russland und der Nato sein‹.« Und so weiter und so fort.
Auch die »Taz« kommentiert seit Langem eine »Kriegsgefahr in Europa«. Das Blatt der Grünen überschrieb derartige Überlegungen am 27. September vergangenen Jahres mit der Zeile: »Begrabt den letzten Sommer in Frieden«. Und das Sturmgeschütz der Demokratie, »Der Spiegel«, bietet kräftig mit beim medialen Wettrüsten, an dem auch die Fernsehsender kräftig mitmischen. Nur ARTE bemühte sich um einen anderen Blick und brachte vergangenes Jahr, zur besten Sendezeit, die anderthalbstündige Dokumentation unter dem Titel: »Wie Kriege enden und Frieden möglich ist«. Friedensnobelpreisträger*innen, Diplomat*innen undehemalige Guerillakämpfer*innen berichteten, wie leicht und leichtfertig Kriege entfesselt sind und wie schwer die Kunst ist, Frieden zu stiften.
Warum sind Journalisten so besessen vom Krieg? Warum wollen sie den Kopf partout nicht wenden und, wenigstens hin und wieder, friedvolle Überlegungen anstellen? Es wird getrommelt und trompetet, Kriegshysterie geschürt, Stimmung erzeugt. Gewöhnung an Krieg als Naturzustand? Wer bietet jener Einfalt endlich Einhalt? Um die wirklichen Probleme der Menschheit anzupacken und zu lösen: Armut, Hunger, Umwelt, Klima …!?
Übrigens, ehe ich’s vergesse: Haben Sie schon bemerkt, welche Modefarbe derzeit die Autoindustrie ins Stadtbild trägt? Grün! Nicht irgendein Grün, sondern ein militärisches Grün. Auch so funktioniert Aufrüstung in den Gehirnen. Achten Sie mal drauf!
Erstveröffentlicht im nd v. 23.1. 2026
https://www.nd-aktuell.de/artikel/1197042.kriegshysterie-fatale-gedanken-in-ueberheizten-raeumen.html?sstr=Stefan|Berkholz
Wir danken für das Publikationsrecht.