15 000 bei der alljährlichen Luxemburg-Liebknecht-Demonstration in Berlin – darunter auffallend viele junge Menschen
Von JULE MEIER und ANDREAS FRITSCHE
Eine dreiviertel Stunde zu spät startet die diesjährige Luxemburg-Liebknecht-Demonstration (LL-Demo) am Frankfurter Tor in Berlin. Grund dafür ist kein Angriff der Polizei auf die für ihre Pünktlichkeit bekannte Veranstaltung. Auch die verschiedenen Blöcke stehen schon in Reih und Glied. Doch an einem der Lautsprecher gibt es technische Probleme, sodass die Auflagen noch nicht verlesen werden konnten. »Hört ihr mich? Ah, jetzt!«, ruft eine junge Stimme durchs Mikrofon, als endlich ein Ton durch die Boxen dringt.
Sie ist nicht die einzige junge Stimme, die man an diesem Sonntag auf der Frankfurter Allee hört. Auffallend viele Menschen unter 30 demonstrieren in Gedenken an die 1919 von rechten Freikorps ermordeten Sozialist*innen Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht. Es gab einen eigenen Jugendblock. Sie halten Transparente, auf denen man »Jugend voran! Wehrt euch! Gegen Faschismus und Kapital« liest; sind in Gruppen wie dem »Kommunistischen Jugendbund« organisiert oder schwenken »One-Piece«-Flaggen. Die Fahne gilt als neues Symbol von Gen-Z-Protesten weltweit. Schätzungsweise 15 000 Menschen beteiligen sich an der LL-Demo, die bis auf einzelne Zwischenfälle ausgesprochen friedlich verläuft. Die Berliner Polizei spricht von 8000 Demonstrant*innen.
Nicht nur immer mehr Kriege weltweit, sondern auch die Politik der Kriegstüchtigkeit in Deutschland könnte Anlass für so viele junge Menschen sein, sich an der LL-Demo zu beteiligen. Noch vor wenigen Jahren prägten vor allem ältere Genoss*innen die Demonstration. In vielen Redebeiträgen geht es nicht nur um die deutsche Beteiligung an Kriegen in der Ukraine oder in Palästina, sondern auch um die zunehmende Umstellung auf Rüstungsproduktion in Deutschland. Auch das »Gesetz zur Modernisierung des Wehrdienstes« wird immer wieder thematisiert. Dieses gilt seit dem 1. Januar und soll sowohl die aktive Truppe als auch die Reserve der Bundeswehr stärken.
»Nein zum Kriegsdienst, nein zur Rüstung, nein zum Sozialabbau! Das Geld ist da, holen wir es bei den Reichen! Enteignung jetzt!«, ruft ein junger Sprecher unter Beifall in ein Mikrofon. »Jugend, Zukunft, Sozialismus« lautet ein wiederkehrender Demonstrationsspruch. Außerdem zu hören sind: »Free palestine«, »Hoch die internationale Solidarität« und »Wir sind hier, weil man uns die Zukunft raubt«.
Weiterhin zu hören sind Genoss*innen, die Türkisch, Kurdisch, Arabisch, Spanisch, Italienisch und Englisch mit britischem Akzent sprechen. Neben kurdischen und palästinensischen sieht man viele kubanische und venezolanische Flaggen. Redebeiträge widmen sich den US-Angriffen auf Venezuela. Vorab hatte das LL-Bündnis mitgeteilt, dass die deutsche Bundesregierung »Komplize« einer »zutiefst verbrecherischen Politik« sei, die »imperiale Vorherrschaft« stärke und »die Gefahr eines nuklearen Infernos« erhöhe.
In den vergangenen zwei Jahren war es auf der LL-Demo zu massiver Polizeigewalt gekommen. Diesen Sonntag bleibt es weitestgehend friedlich. Kurz vor dem Friedhof der Sozialist*innen wird der Jugendblock von der Polizei aufgehalten, doch die Demonstrant*innen bilden schnell Ketten und teilen sich in drei verschiedene Gruppen auf, um über verschiedene Wege zu den Grabstätten der Sozialist*innen zu gelangen. »Der Arbeiterjugend die Straße frei«, rufen sie. Die meisten tragen rote Schlauchschals auf denen »Jugend voran« mit einem Hammer-und-Sichel-Symbol gedruckt ist.
Am Friedhof angekommen hört man eine Gruppe das Partisanen-Lied »Bella ciao« singen, eine andere Gruppe stimmt ein Lied »gegen Wehrpflicht und Repression« ein. Die Gräber sind bereits mit Dutzenden roten Nelken geschmückt.
Bereits in den frühen Morgenstunden hatten sich am Zentralfriedhof Friedrichsfelde die Parteichefs der Linken zum Stillen Gedenken getroffen. Es ist nicht das erste Mal, dass Heidi Reichinnek im Januar bei einer Ehrung von Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg auf dem Friedhof dabei ist. Aber dieses Mal ist es das erste Mal, seit man sie als Linksfraktionschefin im Bundestag hier erkennt, wie Reichinnek dem »nd« sagt.
Elif Eralp beteiligte sich an der Ehrung, seit sie vor 15 Jahren nach Berlin gezogen ist. Doch erst jetzt wird die Politikerin an der Gedenkstätte der Sozialisten von Leuten angesprochen, die ihr Glück und Erfolg wünschen für die Berliner Abgeordnetenhauswahl im September. Eralp ist die Spitzenkandidatin der Linken. Ihre Partei liegt in den Umfragen nur drei bis fünf Prozentpunkte hinter der CDU des Regierenden Bürgermeisters Kai Wegner. Elif Eralp könnte ihn unter Umständen ablösen. »Du musst das machen«, sagt ihr eine Frau am Sonntag unmittelbar neben der Grabstätte von Rosa Luxemburg.
Zwar ist es frostig kalt, aber die Sonne scheint. Ein Mann sammelt Unterschriften für die Initiative »Eine Millionen Stimmen für den Frieden«. Diese Rostocker Initiative möchte Deutschland zum Friedensstaat Nummer eins auf der Welt machen. Sie fordert kein Geld und keine Waffen in Kriegs- und Krisengebiete zu senden, die ausgesetzte Wehrpflicht nicht wieder einzuführen, Werbung der Bundeswehr an Schulen nicht zuzulassen, nicht auftzurüsten, keine Atomraketen zu stationieren und Kriegspropaganda in den Medien zu verbieten. Die Stimme von Berlins Linksfraktionschef Tobias Schulze haben diese Anliegen. Er unterschreibt am Sonntag auf dem Vorplatz des Zentralfriedhofs.
Wegen der Baustelle auf dem Vorplatz hätte die Liebkecht-Luxemburg-Demonstration dieses Jahr beinahe nicht stattfinden dürfen und auch die gewohnten Infostände hatte das zuständige Bezirksamt Lichtenberg zunächst nicht genehmigt, dann aber doch. Anders als sonst befinden sich die Stände diesmal aber nicht allein in der Gudrunstraße, sondern auch in der von ihr abzweigenden Rüdigerstraße. An den Stand der Rosa-Luxemburg-Stiftung tritt ein Mann, der gar nichts mitnehmen, sondern etwas abgeben möchte. Er hat beim Aufräumen zwei alte, sehr gut erhaltene Mappen mit Fotos von Liebknecht und Luxemburg aus dem DDR-Verlag für Agitation und Anschauungsmittel gefunden. Die Stiftung könnte dafür Verwendung haben, dachte er. Hat sie auch. Stiftungssprecherin Alrun Kaune-Nüßlein nimmt die Mappen an sich.
»Nein zum Kriegsdienst, nein zur Rüstung, nein zum Sozialabbau! Das Geld ist da, holen wir es bei den Reichen!«
Redner auf der LL-Demonstration
Erstveröffentlicht im nd v. 11.1. 2026
https://www.nd-aktuell.de/artikel/1196766.luxemburg-liebknecht-gedenken-ll-demo-jung-friedlich-und-gut-besucht.html
Wir danken für das Publikationsrecht.