Die US-Intervention in Venezuela lässt in Kuba die Alarmglocken läuten
Andreas Knobloch, Havanna
Bild: pixabay
Der Sicherheitsapparat von Venezuelas entführtem Präsidenten Nicolás Maduro griff in hohem Maße auf kubanische Kräfte zurück. 32 Kubaner starben bei der US-Militäraktion. In Kuba wurden zwei Tage Staatstrauer angeordnet.
»Das Jahr beginnt schlecht«, sagt Raúl Martínez zur Begrüßung. Der 63-jährige Handwerker meint die Entführung von Venezuelas Staatschef Nicolás Maduro durch das US-amerikanische Militär. Die ist auch auf den Straßen Havannas Gesprächsthema Nummer Eins in den Tagen danach. »Ich habe es quasi live im Fernsehen verfolgt. Wir haben gerade einen Film geschaut, als das Programm für eine Sondersendung unterbrochen wurde.« Wie zahlreiche Haushalte in Havanna empfängt auch Martínez über Kabel US-TV-Sender. Legal ist das nicht. Seinen richtigen Namen will er auch deshalb nicht in der Zeitung lesen.
Einige in Havanna hoffen, dass die US-Amerikaner als Nächstes nach Kuba kommen. Martínez gehört nicht dazu. »Von den Amerikanern kann man nichts Gutes erwarten«, sagt er. »Trump geht es nur ums Öl.« Einer Invasion kann er nichts abgewinnen. Kuba habe zwar viele Probleme, aber immerhin gehe es friedlich zu. »All jenen Personen, die davon träumen, dass wir als Nächstes dran sind, möchte ich sagen, dass es keine Invasion ohne Krieg gibt und keinen Krieg ohne Tote«, schreibt eine Nutzerin in den sozialen Medien. Im Großen und Ganzen aber herrscht Business as usual in diesen Tagen in Kubas Hauptstadt.
Nur die laute Musik ist von den Straßen verschwunden. Präsident Miguel Díaz-Canel ordnete eine zweitägige Staatstrauer und Beflaggung auf Halbmast an. Gedacht wird den »während des kriminellen Angriffs der US-Regierung gegen Venezuela« getöteten 32 Kubanern, »die auf Ersuchen der entsprechenden Organe dieses Landes Missionen im Auftrag der Revolutionären Streitkräfte und des Innenministeriums erfüllten und bei Kampfhandlungen ums Leben gekommen sind«, wie es in einer Erklärung der kubanischen Regierung heißt. Unter den mindestens 80 Todesopfern der US-Invasion waren nach offiziellen Angaben auch 24 venezolanische Sicherheitskräfte.
Der Verlust kubanischer Menschenleben verdeutlicht, dass Maduros engster Sicherheitsapparat aus einer großen Anzahl kubanischer Agenten bestand.
Der Verlust kubanischer Menschenleben verdeutlicht, dass Maduros engster Sicherheitsapparat aus einer großen Anzahl kubanischer Agenten bestand. Darum hatte es immer wieder Gerüchte gegeben; Caracas und Havanna dementierten stets. Im Jahr 2000 schlossen die damaligen Staatschefs beider Länder, Hugo Chávez und Fidel Castro, ein sogenanntes Umfassendes Kooperationsabkommen, in dem sich Kuba zu »technischer Hilfe« in verschiedenen Bereichen verpflichtete, im Gegenzug für die Lieferung von bis zu 53 000 Barrel Öl pro Tag. Separat soll ein vertrauliches Abkommen in Bezug auf Sicherheit und Verteidigung unterzeichnet worden sein.
Die Regierung in Havanna ist von den Ereignissen in Caracas kalt erwischt worden. Sie protestierte mit Verbalnoten und einem Aufmarsch vor der US-Botschaft in Havanna gegen das Vorgehen Washingtons. Kubas Präsident Díaz-Canel sprach von einem »Akt des Staatsterrorismus«. In der Bevölkerung überwiegt indes die Sorge vor einer Verschlechterung der ohnehin prekären wirtschaftlichen Lage. »2026 wird ein hartes Jahr für uns«, sagt Martínez. »Venezuela ist unser wichtigster Öllieferant. Maduro ist den Kubanern egal, aber was passiert mit dem Öl?«
Tatsächlich dürften die Vorzugskonditionen im Handel mit Venezuela – heruntergebrochen auf die Formel Ärzte gegen Öl – für die kubanische Regierung nur schwer zu ersetzen sein. Seit Washington den Druck auf Caracas erhöht und damit begonnen hat, Öltanker vor der venezolanischen Küste aufzubringen, haben die Blackouts auf der Insel weiter zugenommen. Im Dezember fiel in Havanna zum Teil acht bis zehn Stunden am Tag der Strom aus; in weiten Teilen des Landes sogar bis zu 20 Stunden. Neben Havarien der in die Jahre gekommenen Wärmekraftwerke fehlt es vor allem an Treibstoff. Zwar ist Mexiko angesichts schrumpfender Öllieferungen aus Venezuela eingesprungen, wird aber zunehmend von den USA bearbeitet. Mexikos Abhängigkeit von Gaslieferungen aus den USA und die für dieses Jahr anvisierte Neuverhandlung des nordamerikanischen Freihandelsabkommens dürften von Washington als Druckmittel in Bezug auf Kuba eingesetzt werden.
Trump glaubt, dass Kuba ohne venezolanisches Öl kurz vor dem Zusammenbruch steht. »Ich weiß nicht, wie sie sich halten können, sie haben keine Einnahmen. Sie erhielten alle ihre Einnahmen aus Venezuela, aus dem Weiterverkauf von venezolanischem Öl«, so der US-Präsident am Montag. »Ich glaube nicht, dass wir irgendwelche Maßnahmen ergreifen müssen.« Am Samstag noch hatten Trump und US-Außenminister Marco Rubio siegestrunken angekündigt, möglicherweise als Nächstes gegen Kuba vorzugehen.
Kubas Wert für die US-Regierung ist vor allem symbolischer Natur. Seit mehr als 60 Jahren widersteht das Land dem in der Monroe-Doktrin geäußerten Vormachtanspruch der USA in Lateinamerika, der von Trump nun ausdrücklich wiederbelebt wurde. Mit dem Vorgehen Washingtons gegen Maduro »eröffnet sich potenziell ein Szenario, in dem es zu einer Aggression gegen Kuba kommen könnte«, sagt Fabio Fernández, Professor für Geschichte an der Universität Havanna, gegenüber der Nachrichtenagentur Efe, auch wenn er nicht glaubt, dass eine solche Aktion sofort stattfinden wird, »da sie die Schaffung eines Motivs und die Vorbereitung der öffentlichen Meinung erfordert«.
Für Kuba sind US-Aggressionen nichts Neues. Seit 1959 hat die kubanische Revolution 13 US-Administrationen überlebt. Bereits kurz nach der Wiederwahl Trumps haben kubanische Offizielle in Hintergrundgesprächen verlauten lassen, dass sie damit rechnen, dass Washington einen Anlass suchen wird, um eine Intervention zu rechtfertigen. Die Trump-Regierung könnte schon bald daran gehen, wie im Fall Venezuelas ein entsprechendes Narrativ zu konstruieren.
Erstveröffentlicht im nd v. 8.1. 2026
https://nd.digital/editions/nd.DerTag/2026-01-08/articles/21127356
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