Im Herzen des Schweigens

Und Deutschland unterstützt eine solche Barbarei immer noch, liefert immer noch Waffen, blockiert auf EU Ebene Sanktionen, kooperiert militärisch mit der Terror-Armee und der israelischen Rüstungsindustrie. Palästinasolidarische Demonstrat:innen werden zusammengekloppt und lässt sich auch noch von den Israellis das VW Werk in Osnabrück abkaufen, damit dort in Zukunft auch noch Rüstung für die produziert wird!

In Deutschland kaum vorstellbar: Bei den Filmfestspielen von Venedig hat die Gaza-Dokumentation „NAZA“ eine rund 25-minütige Standing Ovation erhalten. Der minutenlange Beifall im Stehen gilt als neuer Rekord in der Geschichte des renommierten Filmfestivals.

24 Militärangehörige sagen aus
Der 80-minütige Dokumentarfilm stammt von dem israelischen Regie-Duo Yuval Abraham und Rachel Szor. Das Werk basiert auf dreijährigen verdeckten Interviews mit 24 israelischen Soldaten und Geheimdienstoffizieren. In den Gesprächen schildern die Befragten die internen Prozesse bei der Zielauswahl sowie die Handhabung ziviler Opferquoten bei Luftangriffen im Gaza-Streifen.

Der Titel „NAZA“ bezieht sich auf ein hebräisches Militär-Akronym für zivile Begleitschäden. Die Aufnahmen entstand überwiegend nachts auf Dächern in Tel Aviv.

Die Informanten berichten detailliert über den Einsatz von KI-gestützten Zielsystemen. Diese Systeme wählen Ziele anhand massenhaft abgefangener Handydaten aus. Zudem wird thematisiert, wie zivile Opfer in Kauf genommen werden, wenn Angriffe bewusst nachts auf Wohnhäuser geflogen werden, während sich die Familien der Zielpersonen darin befinden.

Um die Sicherheit der Informanten zu gewährleisten, wurde der Film über drei Jahre hinweg heimlich nachts auf den Dächern von Tel Aviv gedreht. Die Gesichter und Stimmen der Soldaten wurden digital unkenntlich gemacht.Das Team: Abraham und Szor waren bereits Teil des Regieteams hinter der preisgekrönten Dokumentation No Other Land. Produziert wurde der Film in Kooperation mit der britischen Zeitung The Guardian sowie James Wilson und dem Oscar-Preisträger Jonathan Glazer (The Zone of Interest).

Anwältin übt scharfe Kritik an deutscher Haltung
Die Ereignisse in Venedig lösten auch in den sozialen Netzwerken Debatten über den Umgang der deutschen Kultur- und Politiklandschaft mit dem Nahostkonflikt aus. Die Rechtsanwältin Beate Bahnweg ordnete den Vorfall in einem viel beachteten Facebook-Beitrag kritisch ein.

Während weltweit in Politik, Medien und Kunst das Unrecht an den Palästinensern angeprangert werde, seien Szenen wie in Venedig in Deutschland „nicht vorstellbar“, so Bahnweg. Hierzulande träte sofort ein Bündnis aus Politik, Medien und Kultur zusammen, um dem Festival und den Künstlern Antisemitismus vorzuwerfen. Deutschland agiere in diesem Kontext als „Vorposten israelischer Politik in Europa“.

Weiter kritisierte die Juristin, dass die deutsche Politik es versäume, Kriegsverbrechen klar zu benennen, während gleichzeitig weiterhin Rüstungsgüter geliefert würden. Bahnweg verwies zudem auf die Praxis deutscher Gerichte, die Klagen gegen Waffenlieferungen stets als unzulässig abgewiesen hätten, ohne die völkerrechtliche Frage inhaltlich zu prüfen.
Hier lesen: https://tinyurl.com/n2jyc79r


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Das Filmfestival Venedig hält förmlich inne angesichts des erschütternden Gaza-Dokumentarfilms „Naza“ von Juval Abraham und Rachel Szor.

In den Wörterbüchern des Unmenschlichen ist „Naza“ noch ein neuer Eintrag. Filmemacher Yuval Abraham lässt sich das militärische Kürzel gleich zu Beginn seines gleichnamigen, gemeinsam mit Rachel Szor gedrehten Films von einem Interviewpartner erklären. „Es ist eine Maßeinheit für Kollateralschäden. Ein Naza ist eine unschuldige Person, deren Tod auf ein Ziel eingerechnet wird.“ Wer den britischen Guardian liest, kennt das Codewort aus den Rechercheartikeln des Oscar-Preisträgers von „No Other Land“. Die britische Tageszeitung steht auch hinter dieser Filmproduktion.

Nun hört man die Rechnungen, die mit dieser Variablen angestellt werden, aus erster Hand. In letzter Minute ins Festival von Venedig eingeladen, zwingt der von Jonathan Glazer mitproduzierte Dokumentarfilm den Wettbewerb förmlich zum Innehalten. So hochkarätig einige Filmkunstwerke in diesem Programm ausgefallen sind, so schwer wiegt dieser weit über die Gegenwart hinausweisende Dokumentarfilm im Bewusstsein.

Vor der schützenden Kulisse nächtlicher Hausdächer im Zentrum Tel Avivs, optisch und akustisch verfremdet, legen israelische Militärangehörige darüber anonym Zeugnisse ab. Einmal habe Naza 500 betragen, so viele Unschuldige sei der Tod eines bestimmten Hamas-Mitglieds wert gewesen. Als Regel habe sich ein Wert von 20 Naza eingebürgert. Das wäre doch bei mehreren Zehntausend Hamas-Mitgliedern ganz Gaza, folgert Abraham. „Ja, ganz Gaza“ bestätigt der Soldat.

Auch wenn die Stimmen verfremdet sind, verbindet die 23 Männer und eine Frau eine Direktheit in der Ansprache, niemand scheint hier mit einer Antwort zu zögern. Auch wenn sich die IDF-Angehörigen entschlossen haben, sich zu offenbaren, scheint der Moment des Innehaltens noch nicht gekommen.

Ein Soldat nennt das Vorgehen einen Genozid, doch auf die Frage, warum er dann mitgemacht habe, antwortet er direkt: „Es war einfach so ein Spaß. Alle hatten Spaß, es war ein Adrenalinschub. Es war wie ein Videospiel.“ Es ist einer der Momente, die dieses Memento schwer vorstellbarer Kriegsverbrechen auch für zukünftige Kriege wegweisend machen. Der moderne, KI-gestützte Drohnenkrieg garantiert nicht nur das Operieren in größtmöglicher Sicherheit. Er belohnt Beteiligte, die dafür empfänglich sind, sogar mit Lustgewinn. Moralische Fragen, so sind sich die Befragten einig, spielten nach den Massakern der Hamas vom 7. Oktober keine Rolle. Die von der Politik ausgegebene Maxime „Es gebe keine Unschuldigen in Gaza“ sei Konsens gewesen.
Ein Telekomspezialist trägt offensichtlich schwerer an den Erinnerungen als manche anderen. Zu jedem Handy in Gaza habe man Zugriff gehabt – wie Telefonüberwachung schon früher leicht gewesen wäre. Dokumentaraufnahmen aus den 70ern belegen das Monopol israelischer Telekommunikationstechnik seit der Besatzung 1967.

Zu den Aufgaben des Technikers gehörte das Durchsehen von Familienfotos nach den Wohnhäusern der Zielpersonen, denn die Drohnen schickte man bevorzugt erst los, wenn die Hamasmitglieder zu Hause bei ihren Familien waren. Im Hintergrund eines Kinderfotos identifizierte er das Haus, später verfolgte er ihr Sterben live. Dass der Vater noch gar nicht zu Hause war, passte ebenfalls in eine Statistik des Systems der KI-unterstützten Drohnenangriffe – 15 Prozent Fehlerquote seien eingerechnet. Aus Sicht des IDF sei demnach jeder Tod gerechtfertigt. Ein Soldat erklärt, wie man damit begonnen habe, nicht mehr Einzelziele, sondern ganze Straßenzüge auszuradieren. Schließlich sei es von Anfang an ein Kriegsziel gewesen, zu verhindern, dass Vertriebene je an ihren Wohnort zurückkehren könnten. Ein anderer erzählt, wie Scharfschützen auf Kinder zielten, die zur Nahrungsmittelausgabe vorpreschten und dabei unsichtbare Linien überschritten, die sie nicht kennen konnten. Er zeichnet auf, wie es aussah, wenn die Rennenden auf ihre Gesichter fielen.

In der Dunkelheit wächst die Gefahr. Filmszene aus „Naza“.
In der Dunkelheit wächst die Gefahr. Filmszene aus „Naza“. © Filmfestival Venedig

Die Muster der Entmenschlichung

Abraham vermeidet tatsächliche Aufnahmen des Sterbens, umso eindringlicher gelangen diese schemenhaften Zeichnungen und die Worte selbst in die Sphäre unserer Vorstellung. Alain Resnais war mit seinem Film „Nacht und Nebel“ ein Pionier in der dokumentarischen Vermittlung von Information durch visuelle Leerstellen. So schützte er sich auch gegen den Abwehrreflex gegenüber grausamen Bildern.

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Auf die Frage der FR nach dem Einfluss Resnais’ und Claude Lanzmanns, den er im Film zitiert, und einer Anwendbarkeit von Hannah Arendts Wort von der „Banalität des Bösen“ antwortet Abraham: „Wenn Sie aus Deutschland kommen, wo man sagt: Nie wieder!, dann ist es wichtig, auf Muster zu achten, die auf die Gegenwart angewendet werden können. Es bedeutet nicht, zu sagen, es war dasselbe. Aber wir müssen nach ähnlichen Mustern der Entmenschlichung Ausschau halten. Wir ehren die Opfer des Holocaust. Gerechtigkeit ist ein großes Wort, aber wir respektieren die Opfer, wenn wir die Systematik des Tötens und die Verletzung der Menschenrechte benennen.“ Längst hat sich eine Verleugnungsrhetorik über Menschenrechtsverletzungen im Gazakrieg etabliert, die Handyaufnahmen der palästinensischen Opfer als „Pallyfiction“ denunziert. Abraham belässt es bei einer einzigen Handyaufnahme am Ende des Films, wenn ein Vater in Trümmern nach seinen Kindern sucht und die Füße der Leichen unter dem Schutt herausragen.

Wie es überhaupt zu den Interviews kam, erklärt Abraham unter anderem sogar mit dem Stolz einiger Armeeangehöriger über das Erreichte. Wenn etwas an den Erinnerungen traumatisch klingt, dann einzelne Todesfälle. Wie das Schreien eines brennenden Kleinkinds und der hilflosen Mutter, mitgehört über das Handy.

Kann man sich ein verstörenderes Dokument über Kriegsverbrechen vorstellen? Im Dunkel der nächtlichen Metropole führen Abraham und Szor in einen Raum der Indifferenz. Immer wieder filmen sie hinab in einen Alltag, der neben den Mahnwachen für die Hamas-Geiseln schweigend weiterzulaufen scheint. Zu diesen Momenten gehört eine Retrospektive von „Shoah“-Regisseur Lanzmann im Filmmuseum.

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