Ein Film beleuchtet die Schattenseiten des Baubooms
Von FRANK STEGER *
August 2026
Titelbild: Titelbild des gleichnamigen Films von Bianca Schwarz | Foto: Medienwerkstatt Franken
Deutschland will bauen. Bezahlbarer Wohnraum, neue Kitas und Schulen, ein flächendeckendes Glasfasernetz – die Liste der Vorhaben im Land ist lang, der politische Wille seit dem „Bau-Turbo“-Gesetz vom Herbst 2025 groß. Doch kaum jemand fragt: Wer legt eigentlich die Kabel, gießt den Asphalt, schuftet täglich unter hohem Druck dafür – und unter welchen Bedingungen?
Der von der Stiftung Menschenwürde und Arbeitswelt geförderte Dokumentarfilm „Auf’m Bau / Pe Șantier“ der Medienwerkstatt Franken erzählt, wie rumänische Bauarbeiter um ihren Lohn betrogen wurden.
Zwei Männer, ein System
Im Zentrum des Films stehen Cosmin Istina und Gheorghe Demyan, die auf Baustellen in Franken Glasfaser- und Asphaltarbeiten verrichteten.
Istina, gelernter Telekommunikationsfachmann, hatte sich 2024 als Bauleiter anwerben lassen – mit dem Versprechen auf 5.000 Euro Gehalt, bar auf die Hand. Zwei Jahre später ist er völlig desillusioniert. „Ich bin an einem Punkt angelangt, an dem ich meinen Verstand verloren hatte. Und jemand hat mich ausgenutzt und hat sich über mich lustig gemacht“, beschreibt er heute im Rückblick seine Situation.
Wenig später als Istina kam Demyan, Asphaltfacharbeiter, zu demselben Unternehmer. Zehn bis zwölf Stunden Arbeit am Tag, Miete für ein überfülltes, von Bettwanzen befallenes Haus, ein einbehaltener Monatslohn – am Ende wurde er, wie er im Film erzählt, „wie ein Hund“ vor die Tür gesetzt.
Bin ich nicht um fünf Uhr morgens aufgestanden und bin arbeiten gegangen? Und habe für Sie gearbeitet. Ohne uns können Sie nicht so viel Geld machen. – Gheorghe Demyan im Film
Offenes Geheimnis: Illegale Beschäftigung
Der Film beschreibt, was die Industriegewerkschaft Bauen-Agrar-Umwelt (IG BAU) seit langem beklagt: Subunternehmerketten sind ein zentrales Einfallstor für Lohndumping und Lohnbetrug am Bau – gerade dort, wo Auftrag gebende Konzerne Druck auf die Preise ausüben.
Fast 80 Prozent der Baufirmen sind Klein- oder Kleinstunternehmen mit zehn oder weniger Mitarbeiter:innen. Die großen Firmen haben in den letzten Jahrzehnten eigenes Personal systematisch abgebaut – und setzen stattdessen auf Subunternehmen. Die Subunternehmen wiederum beauftragen weitere Subunternehmen, oft Entsendungsunternehmen aus dem EU-Ausland. Dabei schrecken die Unternehmen, wie der Film zeigt, auch nicht vor illegaler Beschäftigung und Lohnbetrug zurück. Am Ende der Vergabekette aus Generalunternehmern, Subunternehmern und Subsubunternehmern stehen migrantische Arbeiter, die faktisch schutzlos sind.
Auf ein Drittel der geleisteten Arbeitsstunden schätzen die Sozialkassen der Bauwirtschaft (SOKA-BAU) den Anteil der nicht angemeldeten Beschäftigung im Bauhauptgewerbe. Mehr als 50 Milliarden Euro würden so jährlich am Finanzamt und den Sozialkassen vorbeigeschleust – ein lukratives Geschäft.
Der Film schildert einen Fall, in dem die Deutsche Telekom AG die Dylance Design GmbH als Generalunternehmer mit dem Glasfaserausbau in mehreren fränkischen Orten beauftragte. Die GmbH wiederum schaltete Subunternehmen ein. Für eines davon arbeiteten Cosmin Istina und seine Kollegen.
Recht haben heißt nicht Recht bekommen
Als die Löhne ausblieben, wandten sich die Geprellten mithilfe der Nürnberger Beratungsstelle von „Faire Mobilität“ an den Generalunternehmer. „Faire Mobilität“ ist ein bundesweites Beratungsnetzwerk des Deutschen Gewerkschaftsbunds (DGB), das mobile Beschäftigte aus Mittel- und Osteuropa unterstützt. Es informiert in den Muttersprachen der Wanderarbeiter über Arbeitsrechte auf dem deutschen Arbeitsmarkt.
Laut § 14 Arbeitnehmer-Entsendegesetz muss ein Generalunternehmer nämlich für die von ihm beauftragten Subunternehmer einstehen und haftet für ausgebliebene Zahlungen des gesetzlichen Mindestlohns sowie für fehlende Beiträge an die SOKA-BAU.

Bundesweite Beratungsnummer (rumänische Sprache) von Faire Mobilität ließ die Arbeiter aber auflaufen. Ihr lägen, so die Antwort der GmbH an die Beratungsstelle, „weder gerichtliche Titel noch sonstige verbindliche Feststellungen“ über Lohnansprüche vor. „Aufforderungsschreiben Dritter stellen für sich genommen keine rechtskräftige Feststellung einer Zahlungspflicht dar“, zitiert der Film aus einer E-Mail des Unternehmens. Die Telekom als Auftraggeber wollte sich gegenüber der Filmcrew gar nicht erst äußern.
Die Bauarbeiter müssen also zunächst vor Gericht ziehen, wenn sie ihre Lohnansprüche geltend machen wollen. Das aber ist mit erheblichen Hürden verbunden. Es braucht Geld für einen Anwalt und Zeit, um Termine wahrzunehmen. Außerdem ist es schwer, Beweise vorzulegen. Häufig wird ohne Verträge, Abrechnungen oder Aufzeichnungen gearbeitet. Nicht selten unterschreiben migrantische Arbeiter Papiere, deren Inhalt sie gar nicht verstehen, oder sie geben ihre Unterschrift gleich blanko.
Iulia Lavric, Beraterin bei „Faire Mobilität“ Nürnberg, kennt viele um ihren Lohn Betrogene, die sich wegen des erheblichen Aufwands auf Vergleiche einlassen, um überhaupt noch etwas Geld zu bekommen. „Die sind dann an einen Punkt, wo sie überlegen, lohnt es sich finanziell? Weil ich muss mir einen freien Tag nehmen. Ich habe Kosten, Reisekosten, ich habe Dolmetscherkosten. Wenn sie mehr als die Hälfte kriegen, sagen sie oft: Es ist okay, gut, dann lassen wir es.“
Offenbar setzen etliche Arbeitgeber darauf, dass die Betrogenen sich nicht wehren und Klage beim Arbeitsgericht einreichen. „Der Arbeitgeber spart. Wenn er bei jeder Person 1.000 Euro oder 800 Euro sparen kann, dann sagt er sich, warum soll ich es nicht probieren?“, so Lavric.
Kaum wirksame Kontrollen
Immerhin: Der für die Kontrolle der illegalen Beschäftigung zuständige Zoll wurde im geschilderten Fall aktiv. Im Oktober 2025 durchsuchte das Hauptzollamt Schweinfurt die Wohn- und Geschäftsräume des Unternehmers. „Verdacht auf Vorenthalten und Veruntreuen von Arbeitsentgelt sowie Betrug“, zitiert der Film aus dem Durchsuchungsprotokoll.
Der Film zeigt aber auch die Grenzen solcher Kontrollen: Verhaftet wurde niemand. Der Unternehmer kann weiter seinen Geschäften nachgehen. Und über den Ausgang der Ermittlungen erfuhren weder die Betroffenen noch die Filmleute etwas – aus Datenschutzgründen.
Lena Zimmermann, Regionalleiterin Franken der IG BAU, benennt im Film ein wichtiges strukturelles Problem: Der Zoll sei finanziell schlecht ausgestattet und personell völlig unterbesetzt. Das ist keine neue Erkenntnis: Bereits 2015 beklagte ein Vertreter der Finanzkontrolle Schwarzarbeit (FKS) in einer Studie für die Friedrich-Ebert-Stiftung: mit rund 6.700 Mitarbeitern bundesweit könne die Behörde unmöglich jedes Unternehmen kontrollieren.
Hinzu kommt ein Dilemma: Die FKS stellt zwar Verstöße fest, hat aber kein Mandat, Beschäftigten zu ihrem Lohn zu verhelfen – das bleibt eine zivilrechtliche Angelegenheit. Das im Januar 2026 in Kraft getretene „Gesetz zur Modernisierung und Digitalisierung der Schwarzarbeitsbekämpfung“ soll jetzt die digitale Vernetzung der Behörden verbessern – ein guter Ansatz, wie Zimmermann sagt, doch die „Löcher“ im System seien schlicht zu groß.
Was helfen könnte
Die IG BAU, erklärt Zimmermann, fordere seit Langem die Generalunternehmerhaftung auf die Auftraggeber auszuweiten. Im Glasfaserausbau sollte das tatsächlich unproblematisch sein. Die großen Glasfaserfirmen und Telekommunikationsunternehmen als Auftraggeber sind ja keineswegs „baufremd“, sondern über die Verlegung ihrer Netze gut informiert und arbeiten mit den Generalunternehmern eng zusammen.
Zimmermann hält außerdem ein Verbandsklagerecht für die Gewerkschaften für wichtig, ähnlich wie es das seit Jahren im Verbraucher-, Natur- und Umweltschutz gibt. Das könnte helfen, mehr Betroffenen zur Seite zu stehen, so Zimmermann, ohne dass jeder Einzelne ein langes und teures Gerichtsverfahren durchstehen muss.
Länder wie Portugal oder Rumänien verfügten, berichtet der Film am Ende, über eigenständige Arbeitsinspektionen, die Arbeitnehmerrechte schneller durchsetzen können – eine Institution, die es in Deutschland bislang nicht gibt. Hier ist der Weg über die Gerichte für die Beschäftigten meist teuer und mühevoll.
Ein Film, der hinschaut
„Auf’m Bau / Pe Șantier“ verzichtet auf plakative Anklage. Er lässt vor allem jene sprechen, die unmittelbar betroffen sind. Genau diese Nüchternheit macht seine berührende Kraft aus. Der Film macht sichtbar, was in Statistiken zu illegaler Beschäftigung oder Mindestlohnverstößen abstrakt bleibt: die konkreten Gesichter und persönlichen Geschichten dahinter.
Es soll Gerechtigkeit geschaffen werden, damit alles legal abläuft. Damit wir zufrieden sind und belohnt werden für die Arbeit, die wir verrichten. – Gheorghe Demyan im Film
Ob Cosmin Istina, Gheorghe Demyan und ihre Kollegen ihr Geld je bekommen werden, bleibt am Ende des Films offen. Sicher ist nur: Solange Auftraggeber und Generalunternehmer nicht in die Verantwortung genommen werden, unterbesetzte Behörden unzureichend kontrollieren und geprellte Arbeiter:innen es schwer haben, zu ihrem Recht zu kommen, wird der Lohnbetrug im Schattenreich Bau weitergehen.
* Der Autor ist Vorstandsvorsitzender der Stiftung
„Geschäftsmodell Ausbeutung: Wenn europäische Arbeitnehmer_innen in Deutschland um ihre Rechte betrogen werden“, Studie von Carmen Molitor für die Friedrich-Ebert-Stiftung aus dem Jahr 2015. Zum Download (500 KB)
Faire Mobilität: „Branchendossier Baugewerbe: Erfahrungen aus der Beratungspraxis“, November 2025. Zum Branchendossier
Faire Mobilität: „Fallsammlung Glasfaserausbau: Prekäre Arbeitsbedingungen, Abhängigkeit und Missbrauch“, November 2024. Zur Fallsammlung
„Mall of Shame – Kampf um Würde und Lohn, Rückblicke, Hintergründe und Ausblicke“, Verlag Die Buchmacherei, 2020. Das Buch berichtet über den jahrelangen Kampf von migrantischen Wanderarbeitern um Lohnansprüche beim Bau der milliardenschweren Mall of Berlin. Zur Buchungbestellung
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Erstveröffentlicht als Blog der STIFTUNG MENSCHENWÜRDE UND ARBEITSWELT
Geschäftsmodell Lohnbetrug
Wir danken für das Publikationsrecht.