Der neue Zusammenschluss Morgenrot widmet sich dem Kampf gegen die AfD und will die Linke als führende Kraft links der Union etablieren
Morgenrot hofft auch, an die breiten antifaschistischen Mobilisierungen der vergangenen Jahre anzuknüpfen.
Von SEBASTIAN WEIERMANN
Titelbild: Morgenrot hofft auch, an die breiten antifaschistischen Mobilisierungen der vergangenen Jahre anzuknüpfen. Photo: Sebastian Weiermann
Was tun gegen den Vormarsch der AfD und den Angriff der schwarz-roten Bundesregierung auf den Sozialstaat? Das sind Fragen, die sich gerade wohl fast alle Linken stellen. Auch Mitglieder der Partei Die Linke, etwa die Bundestagsabgeordneten Isabelle Vandre und Luke Hoß sowie Thomas Goes von der Göttinger Linken. Zusammen mit anderen haben sie jetzt den Zusammenschluss Morgenrot gegründet. »Morgenrot ist ein Vernetzungs-, Bildungs- und Organisierungsprojekt, das vor allem den Anspruch hat, gesellschaftliche Gegenmacht aufzubauen, das heißt, sich nicht allein auf die eigene Stärke zu konzentrieren«, erzählt Goes im Gespräch mit »nd«.
Goes, der seit 2007 in der Linken ist, war vorher in der Bewegungslinken aktiv, was für einige andere Menschen aus dem vorläufigen Koordinierungskreis von Morgenrot auch gilt. Der Göttinger sagt auch, dass man auf dem Erbe der Bewegungslinken aufbaue. In der Partei habe man mit der Bewegungslinken viel erreicht, etwa die »verbindende Klassenpolitik« und die klare Kante gegen die, die gesellschaftlich oben stünden. »Aber als revolutionäre Linke in der Partei sagen wir, dass es zeitgemäße Ansätze braucht und die Partei nicht beim bezahlbaren Leben stehen bleiben darf«, erklärt Goes und ergänzt: »Dazu gehört die Diagnose, dass wir im Katastrophenkapitalismus leben, mit dem Aufstieg der AfD und Prozessen der Faschisierung.«
»Schwarz-Blau könnte im Sinne eines Übergangsregimes Übergänge in einen neuen Faschismus öffnen.«Manifest für einen sozialen Antifaschismus
Um die AfD und den Umgang mit ihr dreht sich auch das »Manifest für einen sozialen Antifaschismus«, das Morgenrot zur Gründung veröffentlicht hat. Es sieht Deutschland in einem Prozess der Faschisierung – also nicht im Faschismus selbst, aber auf dem möglichen Weg dorthin. Die AfD gilt als neue faschistische Bewegung, die Union als ihr potenzieller Steigbügelhalter. Eine schwarz-blaue Regierung wird als mögliches »Übergangsregime« in Richtung Faschismus eingestuft. Die Rechten wüchsen, weil die herrschenden Parteien Krisen auf Kosten der arbeitenden Bevölkerung bewältigten, die Linke zu schwach sei und die AfD eine geschickte »reaktionäre Volkspolitik« betreibe, die soziale Wut in Hass ummünze.
So weit die Analyse. Wie es um Konzepte dagegen steht? Goes sagt: »Die Partei hat keine ausreichende antifaschistische Strategie.« Es überwögen »zwei falsche Antworten, an denen jeweils etwas richtig ist«. Die erste falsche Antwort sei, »dass gegen die AfD nur der Schulterschluss aller Demokraten helfe«. Richtig daran sei, »dass es eine Bedrohungssituation gibt, etwa wenn man auf Sachsen-Anhalt blickt. Aber zu diesem Schulterschluss würden dann ja auch Kräfte gehören, die Sozialabbau betreiben und von oben spalten und damit den Rechtstrend befeuern. Das geht nicht«, vertritt Goes einen klaren Standpunkt. Bei der zweiten falschen Antwort gehe es um den Standpunkt, dass es ausreiche, wenn die Linke sich auf die Arbeit als soziale Opposition beschränke. »Klare Opposition ist entscheidend – wir müssen den antifaschistischen Kräften, die weit über unsere Partei hinausgehen, aber eine gemeinsame Kampfperspektive geben«, erklärt Goes. Morgenrot werbe »für eine antifaschistische Sammlungsbewegung, die Demokratie nicht verteidigt, sondern ausweiten will und Menschen für soziale, ökologische und antifaschistische Forderungen begeistert«.
Ein Teil von Morgenrot gibt eine sozial-antifaschistische Regierung als Ziel aus, aber noch nicht 2029, das sei zu früh. Eine solche Regierung dürfe jedoch kein reines Parteienkartell sein, sondern müsse von einem starken gesellschaftlichen Block getragen werden. Bis die Voraussetzungen dafür geschaffen sind, versteht sich Morgenrot als »regierende gesellschaftliche Opposition«, die bereits durch Kampagnen und Organisierung Druck auf die Verhältnisse ausübt.
Um diesen Druck wirklich ausüben zu können, will Morgenrot wachsen. Die vielen jungen Parteimitglieder, die in den vergangenen anderthalb Jahren zur Linken gefunden haben, lädt der Zusammenschluss zur Mitarbeit ein. Im November ist eine große antifaschistische Konferenz geplant. Das Ziel von Morgenrot, wie es Goes formuliert: »Wir wollen die Linke zu einer zeitgemäßen antikapitalistischen Partei weiterentwickeln, die revolutionäre Politik im Handgemenge macht.«
Erstveröffentlicht im nd v. 23.5. 2026
https://nd.digital/editions/nd.DerTag/2026-05-23/articles/22852479
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