Gewalt gegen obdachlose Menschen: Berliner Polizei vermeldet brutalen Angriff auf Schlafende
Von Lola Zeller
Angriffe auf wehrlose schlafende Menschen sind nicht selten, berichten ehemals obdachlose Menschen und Unterstützer*innen. Am Donnerstag findet in Berlin die jährliche Mahnwache gegen Obdachlosigkeit statt.
Kurz vor 11 Uhr nachts am Alexanderufer in der Nähe des Berliner Hauptbahnhofs: Zwei Menschen schlafen unter einer Brücke, als sie von einem Mann angegriffen werden. Sie werden getreten, bis eines der Opfer mit sehr schweren Verletzungen am Kopf ins Krankenhaus zur stationären Behandlung muss. Das geht aus einer Meldung der Berliner Polizei hervor. Demnach ereignete sich der Vorfall in der Nacht von Sonntag auf Montag, von Zeug*innen alarmierte Einsatzkräfte hätten den mutmaßlichen Täter festgenommen.
Gewalt gegen Obdachlose gibt es immer wieder. »Das Schlimme sind nicht die physischen Folgen, die hat man ganz schnell vergessen. Das Schlimme ist das Psychische, das bleibt das Leben lang«, sagt Meru zu »nd«. Meru hat selbst obdachlos in Berlin gelebt und ebenfalls solche Gewalt erfahren. Als er 2021 alleine auf einer Bank am Charlottenburger Savignyplatz schlief, wurde er brutal angegriffen und musste im Krankenhaus behandelt werden. Sieben Zähne seien ihm aus dem Mund getreten worden, der Kiefer war gebrochen, zahlreiche Platzwunden habe er davongetragen. Warum er angriffen wurde, das weiß er bis heute nicht. »Ich habe keine Ahnung, wie man auf die Idee kommen kann, jemandem etwas anzutun, der sich nicht wehren kann«, sagt Meru. Vielleicht gehe es um ein Gefühl von Macht, vielleicht um ein grausames Aufnahmeritual unter Jugendlichen.
Meru bietet inzwischen Stadtführungen in Berlin an, die am Bahnhof Zoo starten. Ehrenamtlich hilft Meru in Nachtcafés, die obdachlosen Menschen einen Aufenthaltsraum bieten. »Gewalt gegen Obdachlose kriege ich jeden Tag mit«, sagt er. Zu oft habe er gesehen, wie Menschen mit blauen Augen, kaputten Zähnen, blutenden Mündern und verletzten Beinen klarkommen müssten. Viele hätten keine Krankenversicherung und es gebe nicht genug ehrenamtliche Ärzt*innen, um sie zu versorgen, sagt Meru. Um gegen die Gewalt vorzugehen, hilft in seinen Augen nur eines: Obdachlosigkeit an sich zu beenden. »Der Wohnraum ist eigentlich da«, sagt er.
»Ich habe keine Ahnung, wie man auf die Idee kommen kann, jemandem etwas anzutun, der sich nicht wehren kann.«Meru ehemals obdachlos
Stefan May ist seit 17 Jahren mit dem Fahrrad nachts auf Berlins Straßen unterwegs, um dort schlafende Menschen zu unterstützen. »Radtouren für obdachlose Menschen« heißt seine ehrenamtliche Initiative. »Wir könnten ganze Bücher füllen zum Thema Gewalt gegen Obdachlose«, sagt May zu »nd«. Nachts draußen präsent zu sein und zu schauen, dass es den Menschen gut geht und sie zu unterstützen, wenn sie etwas brauchen, das helfe schon, um dieser Gewalt vorzubeugen, sagt May. »Das ist auch der Grund, warum wir überwiegend nachts unterwegs sind.«
In den vergangenen 17 Jahren sei die Gewalt gegen obdachlose Menschen nicht immer auf einem so hohen Niveau gewesen, wie aktuell. »Es gab eine Zeit, da ist das sogar zurückgegangen.« Doch seit vier Jahren verzeichnet May wieder einen Anstieg. »Und in diesem Jahr hat die Gewalt noch mal so richtig zugenommen.« Erst vor Kurzem sei etwa eine obdachlose Frau am Bahnhof Yorckstraße im Schlaf mit dem Messer in den Rücken gestochen worden. »Viele Menschen auf der Straße können gar nicht schlafen, weil sie ja immer damit rechnen müssen, dass etwas passiert.«
May will am Donnerstag auch am Roten Rathaus bei der Mahnwache gegen Obdachlosigkeit und Zwangsräumungen sein. Diese wird jedes Jahr von einem Bündnis aus obdachlosen und wohnungslosen Menschen und Unterstützer*innen organisiert. Dazu gehört Nicole Lindner. Auch sie stellt fest, dass Gewalt gegen obdachlose Menschen zunimmt. »Keinen Wohnraum zu haben, führt dazu, dass man auch keinen Schutzraum hat«, sagt Lindner.
Die Mahnwache am Roten Rathaus soll dieser Gewalt etwas entgegensetzen – unter anderem mit Redebeiträgen, Unterstützungsangeboten, einer Ausstellung und Konzerten. »Das wird richtig groß«, sagt Nicole. In einer digitalen Live-Konferenz will man sich außerdem im Rahmen der Housing Action Days international mit Aktivist*innen austauschen. Schließlich werden voraussichtlich auch einige Menschen die Nacht über vor Ort verbringen. »Wenn man Obdachlosigkeit beenden will, dann muss man endlich mit den Zwangsräumungen aufhören, die immer wieder Obdachlosigkeit schaffen«, sagt Lindner.
Erstveröffentlicht im nd v. 24.3. 2026
Berlin: Keine Wohnung …
Wir danken für das Publikationsrecht.