Eine mutige Selbstkritik – Hut ab vor Claudia Roth

Claudia Roth bereut ihre damaligen Angriffe auf israelkritische Berlinale-Preisträger. Als Kulturstaatsministerin hatte sie 2024 die Bezeichnungen Apartheid und Genozid zurückgewiesen. Heute nennt sie ihre Aussagen „total falsch, total blöd“.

Bei Jung & Naiv erklärt sie ihren damaligen Kurs unter anderem mit massivem öffentlichem Druck, auch durch den Zentralrat der Juden. Sie sei in dieser Situation zu schwach oder überfordert gewesen und habe später versucht, sich zu entschuldigen.

Der israelische Regisseur Yuval Abraham hatte auf der Berlinale beschrieben, dass er und sein palästinensischer Kollege Basel Adra unter unterschiedlichen Rechtssystemen leben. Er selbst könne wählen und sich frei bewegen, Adra lebe unter Militärrecht. Abraham nannte diese Ungleichheit Apartheid. Adra forderte Deutschland auf, keine Waffen mehr an Israel zu liefern.

Roth hält die Bezeichnung Apartheid heute selbst für zutreffend, wenn Palästinensern die Nutzung von Straßen verwehrt wird. Kritik müsse auch an einer israelischen Regierung möglich sein, die das Völkerrecht verletze und der Faschisten angehörten, sagt sie.

Volker Beck reagiert auf Roths Interview mit einem öffentlich erklärten Bruch. Der Präsident der Deutsch-Israelischen Gesellschaft schreibt auf X: „Fare well, Claudie! Das war es.“

Gegenüber dem Hetzblatt BILD rückt er ihre Aussagen in die Nähe des AfD-Politikers Björn Höcke: Sie seien „nur eine Ecke vom ‚Schuldkult‘-Vorwurf Höckes entfernt“.

Beck bezieht sich dabei auf eine Passage, in der Roth ausländische Freunde zitiert. Diese hätten sie gefragt, wann sie sich von Deutschlands historischer Schuld befreie beziehungsweise anders damit umgehe. Beck unterstellt ihr, sich deren Gedanken zu eigen zu machen.

Aus dem Umfeld des Zentralrats wird gegenüber dem Stern ebenfalls scharf nachgelegt: Roth sei sogar die „Erfindung einer jüdischen Verschwörung“ recht. Es sei Zeit, in den Ruhestand zu gehen. Die Äußerung wird keiner namentlich genannten Person zugeschrieben.

Roth widerspricht: Die Aussagen ihrer Freunde habe sie lediglich zitiert. Die Aufarbeitung der deutschen Verbrechen und die daraus erwachsende Verantwortung blieben zentrale Anliegen ihres politischen Lebens. „Die Unterstellungen gegen mich sind absolut inakzeptabel.“

Becks Angriff richtet sich auch gegen Roths veränderte Haltung zu Israels Gewalt. In einer schriftlichen Stellungnahme erklärt er: „Alle Diabolisierungslabels gegen Israel – Genozid und Apartheid – macht sich Claudia Roth nun zu eigen.“

Was Beck als Dämonisierung abwertet, sind zugleich Ergebnisse umfangreicher menschenrechtlicher Untersuchungen. Amnesty International dokumentierte 2022 Israels Apartheidsystem. Im Dezember 2024 kam die Organisation zu dem Schluss, dass Israel in Gaza Völkermord begeht. Die unabhängige UN-Untersuchungskommission bekräftigte zuletzt am 26. Oktober 2026: Israel setzt den Völkermord auch während der sogenannten Waffenruhe fort.

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