Nachdem die Sparpläne der deutschen Autokonzerne bisher auf vergleichsweise wenig Widerstand gestoßen sind, scheint die Stimmung in einigen Werken nun zu kippen. Bei Volkswagen, wo die Konzernleitung 50 000 Stellen streichen will und auch die Schließung der Werke Emden, Zwickau, Hannover und Neckarsulm erwägt, zeigte sich das Anfang der Woche auf der ersten von neun anberaumten Betriebsversammlungen. Gesamtbetriebsrätin Daniela Cavallo erklärte, das Vertrauen des Betriebsrats in den Konzernvorstand sei »beschädigt«, und sie bezeichnete mögliche Schließungen als »Wahnsinn«. Inhaltlich widerspricht der VW-Betriebsrat vor allem der Behauptung der Konzernführung, wonach die Produktionskosten zu hoch seien. In Wirklichkeit machten »die Fabrikkosten nur ein Siebtel der Gesamtkosten eines Autos« aus, rechnete der Betriebsrat in einem Schreiben an die Beschäftigten vor. Selbst eine Halbierung der Personalkosten würde »die Gesamtkosten für ein Auto nur um etwa fünf Prozent senken«
Der ehemalige VW-Betriebsrat Stephan Krull wies im Gespräch mit dem »nd« auch noch einmal darauf hin, dass der Konzern trotz einer vom Management verschuldeten Absatzkrise keineswegs am Hungertuch nage. VW habe im ersten Halbjahr 2026 immer noch 3,1 Milliarden Euro Profit gemacht, verfüge über Gewinnrücklagen in Höhe von 160 Milliarden Euro und habe im letzten Jahrzehnt insgesamt 40 Milliarden Euro als Dividende an die Aktionärinnen ausgezahlt. »Diese riesige Menge Geld könnte locker in eine Transformation hin zu einem modernen Mobilitätsunternehmen investiert werden«, so Krull. Das Problem sei allerdings, dass die Gewerkschaftsführung bislang keine eigenen, selbstbewussten Ideen entwickele. Rebellion bei Mercedes Noch aufgeheizter scheint die Stimmung bei Mercedes in Stuttgart-Untertürkheim zu sein. Die Konzernführung hatte dort unlängst ein Sparprogramm vorgelegt, über das selbst der öffentlich-rechtliche SWR mutmaßte, es solle offenbar Beschäftigte vergraulen. Der Unmut über die Pläne und die bisherige Reaktion der Gewerkschaften ist so groß, dass sich der gewerkschaftliche Vertrauenskörper auch öffentlich mit der IG-Metall-Führung angelegt hat. »Wir sollen gezwungen sein, auch noch die letzte mies bezahlte Stelle anzutreten, wenn die Bosse unseren Job vernichten.« Gewerkschaftliche Vertrauensleute bei Mercedes-Benz Untertürkheim Bereits im Juni hatten sich die Vertrauensleute, also die gewählten, ehrenamtlichen Gewerkschaftsaktiven, im Untertürkheimer Werk mit einem aufsehenerregenden Brief zu Wort gemeldet. »Die Krise ist allgegenwärtig. Und die Bosse wollen uns dafür bezahlen lassen«, heißt es darin. »Auch die Regierung tut nichts für uns. Sie will den gesetzlichen Acht-Stunden-Tag abschaffen. Wir sollen länger arbeiten für das gleiche Geld oder sogar für noch weniger. Zusätzlich plant sie die ›Rente mit 70‹.« In einem für deutsche Gewerkschaften unüblichen Ton schlugen die Vertrauensleute in ihrer Erklärung einen weiten politischen Bogen – von den Kürzungen bis zur militärischen Aufrüstung: »Wir sollen arbeiten, bis wir sterben. Das Bürgergeld wird zur sogenannten ›Grundsicherung‹. Wir sollen also gezwungen sein, auch noch die letzte mies bezahlte Stelle anzutreten, wenn die Bosse unseren Job vernichten. Das Gesundheitssystem wird kaputt gespart und medizinische Versorgung zunehmend zu einem Privileg für Reiche. Das Geld, was in den Sozialkassen durch die Sparmaßnahmen fehlt, fließt auch in die Aufrüstung. Unsere Jugend soll wieder für die Profite der Konzerne in den Krieg ziehen.« Kundgebung der Beschäftigten bei Mercedes Untertürkheim. Vertrauenskörper Mercedes Benz Untertürkheim Als die IG-Metall-Chefin Christiane Benner gemeinsam mit Peter Leibinger vom Bundesverband der deutschen Industrie (BDI) und dem IG-BCE-Vorsitzenden Michael Vassiliadis im kapitalnahen »Handelsblatt« einen Gastkommentar mit dem Titel »Deutschland braucht Haltungsänderung – Kein Wohlstand ohne Aufbruch« veröffentlichte, legten die Mercedes-Arbeiterinnen Anfang August noch einmal nach. Mit ihrem Kommentar spreche die IG-Metall-Vorsitzende nicht im Namen der Kolleginnen, erklärten die Gewerkschafterinnen in einem offenen Brief und forderten Benner zur Stellungnahme auf: »Warum erscheint dieser Kommentar nur wenige Tage nach der Untertürkheimer Resolution? Ist der Gastkommentar als bewusster öffentlicher Widerspruch zu der Positionierung aus unseren Betrieben gemeint?« Besonders erbost zeigten sich die Mercedes-Beschäftigen über eine Formulierung im Kommentar, wonach im Land mehr geleistet werden solle. »Die Unternehmerverbände, die Bundesregierung und wir Beschäftigten verfolgen gegenwärtig offensichtlich sehr unterschiedliche Interessen«, so die Mercedes-Beschäftigten. »Sie wollen auf unsere Kosten ihre Profite sichern oder ausweiten. Wir dagegen wollen gute Arbeitsstandards erhalten, soziale Sicherheit, bezahlbaren Wohnraum, gute Bildung, Gesundheit und Frieden.« Damit sprechen sich die Gewerkschafter*innen, anders als die IG-Metall-Führung, auch offensiv gegen die Aufrüstungspolitik aus. »Keine Angst vor Eskalation« Der Brief fordert von der IG-Metall-Führung ein Bekenntnis zur 35-Stunden-Woche, die Verhinderung von »weiteren Differenzierungsklauseln im Tarifvertrag« und »keine Angst vor der Eskalation«. Die Beschäftigteninteressen könnten nur durch Arbeitskämpfe durchgesetzt werden. »Nur so können wir die Profitlogik dort zurückdrängen, wo sie unseren Arbeits- und Lebensbedingungen entgegensteht«, heißt es im Brief. Das sei auch ein unverzichtbares Mittel im Kampf gegen die AfD. »Die Menschen wenden sich nicht deshalb nach rechts, weil Gewerkschaften zu kämpferisch sind, sondern weil sie den Eindruck gewinnen, dass niemand ihre sozialen Interessen konsequent vertritt«, heißt es in Anspielung auf das Erstarken der extremen Rechten bei den Landtagswahlen im März in Baden-Württemberg. Vor dem bundesweiten gewerkschaftlichen Aktionstag in der Automobilindustrie am 21. September steigt damit der Druck im Kessel. Für Peter Vlatten, der früher selbst der Vertrauenskörperleitung bei Mercedes Untertürkheim angehörte und heute im Forum Gewerkschaftliche Linke Berlin aktiv ist, handelt es sich bei dem Brief um mehr als eine der üblichen Resolutionen. Untertürkheim gehöre historisch zu den kampfstärksten Betrieben der IG Metall und habe für die Branche oft eine Vorreiterrolle gespielt, erinnert der pensionierte Gewerkschafter im Gespräch mit dem »nd«. »Das hatte auch damit zu tun, dass eine linke alternative Liste im Betriebsrat viele Jahre eine Mehrheit hatte.« Vlattens Eindruck zufolge habe der Gewerkschaftsaktivismus im Betrieb zuletzt einen erfreulichen Aufschwung erlebt. »Im Vertrauenskörper sind heute 500 bis 700 Gewerkschafter aktiv. Das sind Arbeiter aus der Produktion. Und das ist auch der qualitative Unterschied zu anderen Erklärungen.« Aus Sicht Vlattens ist in Untertürkheim Streikbereitschaft zu spüren. Das Problem sei allerdings, dass die IG-Metall-Führung bislang nichts unternommen habe, um Folgeaktionen für die Zeit nach den geplanten Protesttagen Ende September vorzubereiten. Genau davon hänge es jetzt jedoch ab, ob die Unruhe am Ende wieder in Frustration umschlage. Der IG-Metall-Vorstand wollte sich zu der Kritik der Mercedes-Beschäftigten an ihrer Vorsitzenden nicht äußern. Die Debatte werde »intern geführt«, erklärte die Pressestelle der IG Metall auf Anfrage des »nd«. Nächster Beitrag: Sieben Tage, sieben Nächte Wofür VW Tausende Stellen streicht Volkswagen-Chef Oliver Blume tourte diese Woche durch die VW-Standorte, um die Belegschaften auf weitere Milliardeneinsparungen vorzubereiten. Ein Job-Abbau von 50 000 Stellen ist im Gespräch, obwohl ..