Quartalsprognosen sind Fakten, Umweltschäden Ideologie

Wissenschaftliche Fakten zu Umweltschäden zu nennen, gilt als ideologisch. Zahlen sind nur als Renditeprognosen erwünscht, sagt Melanie Jäger-Erben.

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Es gibt einen Satz, den ich als Vertreterin sozial-ökologischer Forschung sehr oft höre: »Das ist mir jetzt zu ideologisch, wir wollen doch lieber bei den Fakten bleiben.« Gemeint sind dann aber nicht wissenschaftliche Erkenntnisse über die Folgen klimaschädlichen Wirtschaftens oder fehlender Investitionen in Daseinsvorsorge und Bildung, sondern Quartalszahlen, messbare Wettbewerbsvorteile oder Exportraten.

Es ist eine eigentümliche Art von Faktenliebe: Zahlen gelten nur dann als seriös, wenn sie sich in Umsatz, Rendite oder Standortlogik übersetzen lassen. Alles andere, wie die Zunahme beschädigter Böden, bröckelnde Infrastrukturen, wachsende Ungleichheit und Einsamkeit, wird dann plötzlich zur Meinung, zum Aktivismus, zur Ideologie. Als müsste Wissenschaft erst den Segen der Bilanzbuchhaltung erhalten, bevor sie als realitätsnah gelten darf.

Melanie Jaeger-Erben

Prof. Melanie Jaeger-Erben lehrt Technik- und Umweltsoziologie an der Brandenburgischen TU Cottbus-Senftenberg.

Dabei sind oft diejenigen ideologisch, die sich am unpolitischsten geben. Denn neoliberale und konservative Politiken naturalisieren ein bestimmtes Ordnungsmuster: Wettbewerb statt Kooperation, Verwertung statt Vorsorge, Marktlogik statt Gemeinwohl, Hierarchie statt Teilhabe. Diese Ordnung wird als »normal« ausgegeben, ist aber nicht weniger ideologisch als sozial-ökologische Positionen, sondern nur besser als Sachzwang getarnt.

Die Folgen dieser vermeintlichen Neutralität lassen sich inzwischen täglich besichtigen. Klimapolitische Maßnahmen werden zurückgenommen, weil sie angeblich die Wirtschaft belasten. Förderprogramme für Demokratie und zivilgesellschaftliches Engagement verschwinden, weil der Staat sparen oder sich »neutraler« verhalten müsse. All das wird selten als ideologische Entscheidung bezeichnet. Dabei ist sie nicht nur ideologisch, sondern vor allem auch kurzsichtig. Sie betrachtet politische Entscheidungen wie Quartalsberichte. Was kostet etwas heute? Nicht: Was kostet es morgen, wenn wir es unterlassen? Wer Klimaschutz verzögert, bezahlt Ernteausfälle, Gesundheitskosten und zerstörte Infrastruktur. Wer Demokratieförderung streicht, investiert gleichzeitig in den gesellschaftlichen Nährboden für Radikalisierung, Verschwörungserzählungen und autoritäre Bewegungen.

Ganz nüchtern betrachtet sind sozial-ökologische Logiken viel eher eine Art politischer Neopragmatismus. Ein Pragmatismus, der Entscheidungen nicht nach ihrer Wirkung bis zur nächsten Wahl bewertet, sondern danach, welche Wirkungen sie in fünf, zehn oder dreißig Jahren auslösen. Denn soziale und ökologische Ressourcen sind die Voraussetzung jeder funktionierenden Wirtschaft. Solidarität ist kein moralischer Luxus. Sie ist die Infrastruktur demokratischer Gesellschaften.

Es ist daher müßig, sozial-ökologisch orientierte Argumente ständig gegen den Vorwurf der Ideologie verteidigen zu müssen. Die spannendere Frage lautet ohnehin: Welche Ideologie behauptet eigentlich immer noch, man könne auf einem zerstörten Planeten eine florierende Wirtschaft betreiben? Oder mit wachsender Ungleichheit stabile Demokratien organisieren?

Mit diesen Fragen möchte ich mich mit meiner Kolumne von den »nd«-Leser*innen verabschieden. Ich habe drei Jahre lang gerne meine Gedanken und Beobachtungen auf diesem Wege geteilt und danke »nd« herzlich für diese Möglichkeit. Machen Sie es gut und bleiben Sie kritisch!

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Es gibt einen Satz, den ich als Vertreterin sozial-ökologischer Forschung sehr oft höre: »Das ist mir jetzt zu ideologisch, wir wollen doch lieber bei den Fakten bleiben.« Gemeint sind dann aber nicht wissenschaftliche Erkenntnisse über die Folgen klimaschädlichen Wirtschaftens oder fehlender Investitionen in Daseinsvorsorge und Bildung, sondern Quartalszahlen, messbare Wettbewerbsvorteile oder Exportraten.

Es ist eine eigentümliche Art von Faktenliebe: Zahlen gelten nur dann als seriös, wenn sie sich in Umsatz, Rendite oder Standortlogik übersetzen lassen. Alles andere, wie die Zunahme beschädigter Böden, bröckelnde Infrastrukturen, wachsende Ungleichheit und Einsamkeit, wird dann plötzlich zur Meinung, zum Aktivismus, zur Ideologie. Als müsste Wissenschaft erst den Segen der Bilanzbuchhaltung erhalten, bevor sie als realitätsnah gelten darf.

Melanie Jaeger-Erben

Prof. Melanie Jaeger-Erben lehrt Technik- und Umweltsoziologie an der Brandenburgischen TU Cottbus-Senftenberg.

Dabei sind oft diejenigen ideologisch, die sich am unpolitischsten geben. Denn neoliberale und konservative Politiken naturalisieren ein bestimmtes Ordnungsmuster: Wettbewerb statt Kooperation, Verwertung statt Vorsorge, Marktlogik statt Gemeinwohl, Hierarchie statt Teilhabe. Diese Ordnung wird als »normal« ausgegeben, ist aber nicht weniger ideologisch als sozial-ökologische Positionen, sondern nur besser als Sachzwang getarnt.

Die Folgen dieser vermeintlichen Neutralität lassen sich inzwischen täglich besichtigen. Klimapolitische Maßnahmen werden zurückgenommen, weil sie angeblich die Wirtschaft belasten. Förderprogramme für Demokratie und zivilgesellschaftliches Engagement verschwinden, weil der Staat sparen oder sich »neutraler« verhalten müsse. All das wird selten als ideologische Entscheidung bezeichnet. Dabei ist sie nicht nur ideologisch, sondern vor allem auch kurzsichtig. Sie betrachtet politische Entscheidungen wie Quartalsberichte. Was kostet etwas heute? Nicht: Was kostet es morgen, wenn wir es unterlassen? Wer Klimaschutz verzögert, bezahlt Ernteausfälle, Gesundheitskosten und zerstörte Infrastruktur. Wer Demokratieförderung streicht, investiert gleichzeitig in den gesellschaftlichen Nährboden für Radikalisierung, Verschwörungserzählungen und autoritäre Bewegungen.

Ganz nüchtern betrachtet sind sozial-ökologische Logiken viel eher eine Art politischer Neopragmatismus. Ein Pragmatismus, der Entscheidungen nicht nach ihrer Wirkung bis zur nächsten Wahl bewertet, sondern danach, welche Wirkungen sie in fünf, zehn oder dreißig Jahren auslösen. Denn soziale und ökologische Ressourcen sind die Voraussetzung jeder funktionierenden Wirtschaft. Solidarität ist kein moralischer Luxus. Sie ist die Infrastruktur demokratischer Gesellschaften.

Es ist daher müßig, sozial-ökologisch orientierte Argumente ständig gegen den Vorwurf der Ideologie verteidigen zu müssen. Die spannendere Frage lautet ohnehin: Welche Ideologie behauptet eigentlich immer noch, man könne auf einem zerstörten Planeten eine florierende Wirtschaft betreiben? Oder mit wachsender Ungleichheit stabile Demokratien organisieren?

Mit diesen Fragen möchte ich mich mit meiner Kolumne von den »nd«-Leser*innen verabschieden. Ich habe drei Jahre lang gerne meine Gedanken und Beobachtungen auf diesem Wege geteilt und danke »nd« herzlich für diese Möglichkeit. Machen Sie es gut und bleiben Sie kritisch!

Erstveröffentlicht im nd v. 29.7. 2026
Fakten und Ideologien

Wir danken für das Publikationsrecht.

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