Verkehrswende von unten: Automobilzulieferer GKN in Florenz – ein Beispiel, das Schule machen sollte


Von Hans Köbrich

Am Samstag dem 4. März gab es bei der Rosa Luxemburg Stiftung in Berlin eine bemerkenswerte Veranstaltung1 mit Vertretern der besetzten Fabrik in Florenz von (ehemals) GKN einem großen Automobilzulieferers. Bemerkenswert war nicht nur die Tatsache, dass die Fabrik seit 20 Monaten besetzt ist und große Unterstützung der Bevölkerung in der Region genießt, bemerkenswert war, dass die Reise von Aktivist_innen einer Gruppe von Fridays for Future aus Leipzig und dem SDS organisiert wurde und dass es darum ging, dass in dieser Fabrik der Autoindustrie auch etwas Anderes, gesellschaftlich Nützlicheres produziert werden könnte als Autoteile. Das Unternehmen GKN war 2018 vom Finanzkonzern Melrose übernommen worden. Im Juli 2021 teilte das Unternehmen mit dass der Betrieb geschlossen wird. Im Februar 2023 passierte das gleiche mit einer Fabrik von GKN in Mosel bei Zwickau.

Bei ihrer Reise nach Deutschland nahmen die italienischen Kollegen an der Demonstration zum Globalen Klimastreik in Leipzig teil und unterstützten die Streikenden von GKN. Auch in Zwickau gab es am 3. März eine Demonstration zum Globalen Klimastreik zu der auch die örtliche IG Metall aufgerufen hatte. In dem Aufruf heißt es: „…Lasst uns gemeinsam zeigen, dass es Alternativen geben kann – Menschen vor Profit! Schon die GKN-Beschäftigten im italienischen Florenz haben gezeigt, wie der Kampf um Arbeitsplätze und Klimaschutz zusammengehen können…“ Ein ökosozialistischer Traum für einen Tag, wie es einer der Gäste aus Italien nannte.

20 Monate Kampf – es geht um Arbeitsplätze, aber auch um Demokratie und Arbeiter_innenkontrolle

Aber auch die 20 Monate Kampf in Florenz haben nicht mit „Öko“ angefangen. Sie entwickelten sich aus der Notwendigkeit das Werk zu retten. Es war ein Kampf um’s (Über)leben aber auch um das Zusammenleben, das seit in Jahrzehnten in der Fabrik entwickelt wurde.

Das Modell von Finanzinvestoren wie Melrose ist einfach: ‘kaufen, optimieren verkaufen’ Aus ihrer Sicht haben die Investoren gute Arbeit und Gewinne gemacht, aber es führte zu Entlassungen. Die Werke von GKN in Florenz, Kaiserslautern und Birmingham wurden geschlossen. In Florenz allerdings stießen diese Entscheidungen auf Widerstand. Dabei war die Organisationsform der Beschäftigten von entscheidender Bedeutung. Es ging um Demokratie am Arbeitsplatz und um die Arbeiter_innenkontrolle.

An einem Tag wurde den Beschäftigten, gesagt dass sie zu Hause bleiben können, weil zu wenig Arbeit da sei. Am nächsten Tag wurde ihnen die Kündigung per E-Mail zugestellt: Sie sollten nicht mehr ins Werk kommen. Es war auch eine psychologischer Trick. Sie sollten das Werk nicht mehr betreten. Aber die das Fabrikkollektiv, das es seit 2018 gibt, war vorbereitet. Spätestens als Melrose den Laden übernahm, war klar, was über kurz oder lang passieren würde. „Uns war klar, dass alles, alle Verträge, die wir in den letzten Jahren erkämpft und erstreikt haben, hinfällig ist, wenn die Fabrik geschlossen wird“. Die Kolleg_innen haben sich vor den verschlossene Toren versammelt, und sind hineingegangen. Sie waren auf diesen Moment vorbereitet. Seit 9. Juli findet dort eine permanente Versammlung statt.

Insorgiamo“ („Lasst uns aufstehen!“)

„GKN muss bleiben!“ Darum geht es nicht allein. In Italien sind währen der Pandemie eine Millionen Leute entlassen worden, die Zahl der Armen hat sich verdreifacht. Was bedeutet das dann für diese Menschen, wenn GKN bleibt?“ Deshalb wurde das Motto „Insorgiamo“ gewählt „lasst uns aufstehen“. Das war auch das Motto der Partisanen nach einer dunklen Zeit. – Der Kampf sollte zu Symbol des Widerstandes für alle werden. Während einer Frist von 75 Tagen bis zur Rechtskraft der Kündigungen wurden drei Demonstrationen und ein Generalstreik durchgeführt. Zu der Demonstration im September kamen 40 Tausend Leute.Die Arbeitsgerichte erklärten schließlich die Kündigung für unrechtmäßig.


Die Zusammenarbeit mit der regionalen „Fridays for Future“ Gruppe eröffnete weitere Perspektiven. Die Frage, was sinnvoll zu produzieren wäre, wurde diskutiert, Produkte für die kollektive Mobilität für die Verkehrswende. Achswellen wie sie im Werk hergestellt werden, können auch in elektrischen Bussen eingebaut werden, in Straßenbahnen Zügen…
Andererseits war klar, dass der Staat eine solche Selbstermächtigung nicht zulassen würde. Die Kollegen hatten gewonnen, die Kündigungsprozesse, die Unterstützung der Bevölkerung, aber es blieb auch eine „leeren“ Fabrik, in der nicht produziert wurde. Die Zeit wurde genutzt um mit anderen sozialen Bewegungen zusammen zu kommen. Es gab Demos gemeinsam mit feministischen- und antifaschistischen Gruppen. Die Verhandlungen zogen sich sich endlos in die Länge. Sozialtarifverträge kamen nicht in Frage, weil sie bedeuten würden dass sich die Arbeiter_innen selbst entlassen würden.

Die Strategie der Kapitalseite – hinhalten, ermüden und leerlaufen lassen

Inzwischen wurde das Werk verkauft an einen neuen Investor. Der neue Besitzer zeigte sich zunächst aufgeschlossen und wollte einen Transformationsplan erstellen und sich dabei auf erneuerbare Energien stützen. Die Ar­bei­te­r_in­nen sollten alle beschäftigt bleiben. Die Situation klang vielversprechend. Er wollte 50 Millionen investieren, davon sollten alleine 37 Millionen vom italienischen Stadt. Kommen. Aber hielt sich nicht an seine Versprechungen.Trotz aller Beteuerungen sich für eine ökologische Produktion einzusetzen, kamen die Verhandlungen nicht voran.

Vom betrieblichen Widerstand zum gesellschaftlichen Transformationsprojekt

Die Arbeiter_innen halten an ihrem Plan für eine nachhaltige Verkehrswende fest. Allerdings gibt es seit November das Transformationsgeld, das der neue Besitzer gezahlt hatte, nicht mehr . Im Oktober wurde nun eine ‘Genossenschaft zur gegenseitigen Unterstützung gegründet’, an die bedürftige Arbeiter_innen Anträge auf Unterstützung stellen können. Die Genossenschaft soll auch dazu dienen den Betrieb in eigener Regie weiter zu führen. Bei der Suche nach Möglichkeiten, alternative Produkte her zu stellen, werden sie von Forscher_innen der Universität Pisa unterstützt, die einen Reindustrialisierungsplan2 entwickelt haben.

Das Fabrikkollektiv arbeitet an einer zweigleisigen Strategie. Langfristig ist weiterhin das Ziel, mithilfe staatlicher oder privater Investor_innen, einen umfassenden Konversionsplan, umzusetzen (vgl. Ferrari/Kaiser 2022). Zunächst könnte die Produktion von Achswellen wieder aufgenommen werden, jedoch nicht mehr für Nutzfahrzeuge und Luxusautos, sondern für Busse. Aber vor allem »kleineren Ideen« wie die Produktion von Lastenfahrräder werden gerade umgesetzt. Das Lastenfahrrad ist ein Paradebeispiel dafür, wie das Fabrikkollektiv arbeitet: Nachdem der Arbeitskreis »Konversion« eine Idee entwickelt hat, wird diese in der Versammlung des Fabrikkollektivs vorgestellt und gemeinsam entschieden.3

Und hier gibt es phantastische Bilder über die Auseinadersetzung in Florenz:
https://umbruch-bildarchiv.org/arbeitskaempfe-und-klimabewegung-in-italien/

1 Ein Mitschnitt der Versammlung ist hier abrufbar:

https://de.labournet.tv/das-fabrikkollektiv-ex-gkn-berlin


2 (https://www.popoffquotidiano.it/wp-content/uploads/2022/03/Piano_FINALE_10.03.pdf).

Zeitschrift Luxemburg:
3 https://zeitschrift-luxemburg.de/artikel/konversion-gkn/

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