#Unkürzbar – Wer die „große“ Politik „rechts“ liegen lässt kann nicht erfolgreich kämpfen!

„Die Weltlage gibt wenig Inspiration für Gedanken, die nicht hinunterziehen“, schreibt das Handelsblatt zum heutigen Wahltag und trifft damit sicher die Stimmung von vielen.
Ein winzig kleines Mosaiksteinchen in dieser Weltlage, aber eben auch konzentrierter Ausdruck wie in einem Brennglas für die Betroffenen ist die unsägliche Kürzungspolitik des Berliner Senats.

Gestern demonstrierten dagegen bis zu 10 000 Menschen. Ein breites Bündniss aus sozialen Verbänden und Gewerkschaften hatte dazu aufgerufen. Auch wir vom Forum Gewerkschaftliche Linke Berlin hatten mobilisiert.

Die Zahl der Teilnehmer blieb für Berliner Verhältnisse überschaubar und erreichte nicht einmal die Zahl der einen oder anderen Palästina-Solidaritätsaktion in dieser Stadt. Trotz der Breite der Betroffenen und existenziellen Bedeutung ihrer Forderungen.

Vom Berliner Senat wurde vollkommen unbeeindruckt wenige Tage vor der Demonstration die Fortsetzung und sogar Verschärfung seiner Kürzungspolitik für 2026 und Folgejahre angekündigt. Ist das frech? Nein. Denn solange zuviele dem Narrativ Glauben schenken, ein geopolitischer Konfrontationskurs mit all seinen ökonomischen Verwerfungen und volle Kraft für eine großmachtpolitische Option seien alternativlos, können die Poliker:innen ohne große Befürchtungen die Kettensäge zücken, um unsere Lebensstandards und Lebensgrundlagen zu rasieren. Wählt doch -frei nach Bert Brecht- noch die Mehrheit „der Kälber ihre Schlächter selber“.

Der Deutsche Aktienindex DAX ist seit Anfang des Jahres um fast 20 Prozent angestiegen! Wer Aktonär ist kassiert. Wer arbeitet muss sich mit gar nichts oder Brosamen zufrieden geben, die nicht mal die wieder anziehende Inflation ausgleichen. Ökonomisch findet weltweit ein Unterbietungswettbewerb um die niedrigsten Unternehmenssteuern statt. Märkte werden angesichts des geopolitischen Konfrontationskurses abgeschottet. Unternehmen wandern immer dorthin, wo sie am lukrativsten verdienen können! Menschen in Deutschland aber fürchten wieder um ihre Arbeitsplätze in der Industrie und den mit ihr verbundenen Dienstleistungsbereichen. Und wenn die Wirtschaft schrumpft und der Staat die Unternehmenssteuern senkt, dann werden die Kassen für die öffentliche Daseinsvorsorge knapp. Das merken unsere kämpfenden Verdi-Kolleg:innen in der aktuellen Tarifrunde. Das kriegen Beschäftigte der Sozialarbeit, in Kultur und Bildung jetzt besonders zu spüren.

Gekürzt wird überall, ausser es geht um Kriegstüchtigkeit. Oder es geht um die direkte Bedienung von Kapitalinteressen.

Carlo Masala, Bundeswehrprofessor und und inzwischen von einigen auch als Sprachrohr der „Kriegsbesessenen in Deutschland“ bezeichnet, setzt zum Wahlsonntag in einem Interview mit dem Handelsblatt eine neue Grenzmarke von 6 Prozent vom BIP für das Projekt „Kriegstüchtigkeit“:

Wenn Sie eine Sicherheitsarchitektur schaffen wollen, in der die Europäer ohne die bisherige Unterstützung der USA klarkommen, dann reden wir eher über vier bis sechs Prozent. Und genau das passiert ja gerade. Es ist übrigens nicht Trump, der diese neue Weltordnung beschwört. Das hat schon unter Barack Obama begonnen.  Der hat das natürlich viel freundlicher formuliert. Aber in der Substanz hat schon er den Europäern gesagt: Macht mehr, ansonsten sind wir weg.

Die neue Marke 6 – ganz salopp aus der „Mitte“ der Gesellschaft präsentiert – geht in Richtung Zweidrittel des gegenwärtigen Bundeshaushalts, die allein für die Militarsierung ausgegeben werden sollen. Das übersteigt selbst die von der AfD übernommene Forderung Trumps in Höhe von 5 Prozent. Ukrainehilfen oder die Anteile für die avisierten 700 Milliarden Sondervermögen für Europa nicht inbegriffen.

Wie soll da noch eine „solidarische“ Finanzierung für Soziales, Kultur, Bildung, Wissenschaft und Klimaschutz zustande kommen?

Das alles für eine mit wenig Fakten unterlegte Erzählung, dass Russland die europäischen Natoländer in etwa 5 Jahren angreifen würde. Russland, ein Land, das derzeit ökonomisch auf dem Level Italiens steht und trotz Kriegswirtschaft gerade mal ein Viertel fürs Militär ausgibt wie alle europäischen Natostaaten ohne die USA zusammen. Unglaublich. In der Presse wird immer mehr Hoffnung auf die erstarkende deutsche Rüstungsindustrie gesetzt, die zur Wachstums- und Arbeitsplatzmaschine würde. Wer meint, dass in der Rüstungsindustrie der Großteil der sonst wegfallenden Arbeitsplätze kompensiert werden könnte, sitzt einer faustdicken Illusion auf. Ein Vertrauensmann der IG Metall, selbst bei Rheinmetall beschäftigt, meinte: “ Mit Panzer kann man nicht in Urlaub fahren, Artilleriegeschosse kann man nicht essen und mit Bomben keine Alten versorgen! Und Krieg macht uns am Ende Alle alle!“ Gilt er denn nicht mehr der traditionelle Gewerkschaftsslogan? „Ohne Frieden ist alles nichts!“

Wer diese von Militarisierung und zunehmend libertär durchtränkte „große“ Politik „rechts“ liegen lässt kann nicht für soziale, ökologische und kulutrelle Anliegen erfolgreich kämpfen!

Wer den Kampf gegen einen militärisch industriell unterfütterten Großmachtkurs nicht führt, spielt nicht zuletzt Rechtskurs und AFD in die Hände. Wer Meinungen dazu unterdrücken will oder sogar palästinasolidarische Beschäftigte, wenn sie auf die geopolitischen Ereignisse in ihrer Heimat hinweisen, ausgrenzt tut das erst recht. Ignoranten unter den Funktionären in unseren Bewegungen muss dazu die Rote Karte gezeigt werden. Sie erweisen uns allen einen Bärendienst.

Stellungnahme Workers 4 Palästina

Der Protest gegen die Kürzungen im Sozialen und in der Kultur ist richtig und wichtig. Es ist wichtig das Thema von Aufrüstung, Waffenexperten und Kriegen auf diese Demos zu bringen. Denn es sind politische
Entscheidungen, wofür Geld ausgegeben wird und wofür nicht. Die Ordner:innen der Gewerkschaften haben es verboten, Sprüche zu rufen, die auf den Genozid im Gazastreifen aufmerksam machen. Die Begründung dafür war wirklich frech. Man würde sich nicht spalten lassen, und würde es nicht akzeptieren dass Dinge skandiert werden, die nichts mit dem Thema der Demo zu tun haben. Man solle den Sozialarbeiter:innen zuhören, die über Kürzungen reden. Das ist eine Farce, denn gerade den Sozialarbeiter:innen die auf das Sterben in Gaza aufmerksam machen wird nicht zugehört. Sie verlieren ihre Jobs und es werden Projekte und Vereine eingestampft, die wichtige Schutzräume für migrantische Menschen bieten.
Auch der Jugend werden ihre Schutzräume und Möglichkeiten zur niedrigschwelligen Freizeitgestaltung genommen. Dafür sollen sie ,,morgen“ zum Wehrdienst gezwungen werden. Das spaltet wirklich.
Der Kampf gegen die Kürzungen braucht eine antirassistische antiimperialistische Perspektive. #unkürzbar #palestine #genocide

Titelbild Collage Peter Vlatten, Foto Kurt W.

Mieterinteressen Fehlanzeige

PRESSEMITTEILUNG DES BÜNDISSES GEGEN VERDRÄNGUNG UND #MIETENWAHNSINN

Neues Frühjahrsgutachten des ZIA: Großkonzerne statt Mieterinteressen

Bild: Collage Jochen Gester

14. Februar 2025 – Der ZIA, der größte Lobbyverband der deutschen Immobilienwirtschaft, hat am 12. Februar sein „Frühjahrsgutachten“ veröffentlicht – ein Dokument, das keine objektive Analyse darstellt, sondern die Interessen von Großkonzernen wie Vonovia, Covivio, CBRE, Allianz und Siemens vertritt. Anstatt das Wohl der Mieterinnen und
Mieter in den Mittelpunkt zu stellen, rückt das „Gutachten“ vor allem Profitmaximierung in den Fokus.

So wird u.A. empfohlen, die Mietpreisbremse nicht zu verlängern – trotz der immer weiteren Erhöhung der Mieten – und lieber auf private Bautätigkeit zu setzen. Lösungsansätze anderer europäischer Städte und Kommunen, in denen Wohnungsnot durch massive Mietregulierung und öffentlichen Wohnungsbau nachhaltig bekämpft werden konnte, werden ignoriert.

Kim Meyer vom Bündnis gegen Verdrängung und #Mietenwahnsinn bringt es auf den Punkt: „Das neue Frühjahrsgutachten der Immobilienlobby ist wieder liberale Ideologie pur. Niemals werden die Unternehmen, die von Wohnungsnot profitieren, so viel bauen, dass die Mieten sinken. Stattdessen schützen sie ihr Geschäftsmodell – zulasten von Millionen
Menschen in Deutschland.“

Als Bündnis gegen Verdrängung und #Mietenwahnsinn fordern wir:

• einen Bundesweiten Mietendeckel
• Verbot von Eigenbedarfskündigungen
• Förderung kommunaler Wohnungsunternehmen und kommunalen Wohnungsneubau
• Umbau leerstehender Büroflächen
• Streichung der Grundsteuer aus der Betriebskostenverordnung
• Effektives Schließen von Steuerschlupflöchern wie Share Deals


„Wohnen ist ein Grundbedürfnis – wie es Artikel 28 der Berliner
Verfassung eindeutig festlegt. Wohnungen genauso wie Schulen,
Bibliotheken oder Krankenhäuser müssen im Sinne der NutzerInnen
bewirtschaftet werden und nicht im Interesse von Aktionären, Gutsherren
und Vermietern“, so Meyer abschließend.

Kontakt:
Kim Meyer, Bündnis gegen Verdrängung und #Mietenwahnsinn
Telefon:  0163 4925096⁩
E-Mail:    presse@mietenwahnsinn.info
Web:       https://www.mietenwahnsinn.info
Bluesky: @mietenwahnsinnb.bsky.social

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Mobi-AG des Bündnisses gegen Verdrängung und #Mietenwahnsinn

E-Mail:    mobi@mietenwahnsinn.info
WWW:       https://www.mietenwahnsinn.info
Insta:     https://www.instagram.com/mietenwahnsinnb/
Bluesky:   https://mietenwahnsinnb.bsky.social
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Amazon-Tower in Friedrichshain: Schrecklichster Neubau Berlins

Der Amazon-Tower steht für den Sieg des Kapitalismus über die Stadt, meint Gastautor Amadeus Marzai

Von Amadeus Marzai

Bild: Jochen Gester

Nicht nur wer über die Elsenbrücke – vor ein paar Jahren fast eingestürzt – oder die benachbarte S-Bahnbrücke nach Friedrichshain fährt und links aus dem Fenster schaut, dürfte Notiz davon nehmen, dass die Berliner Skyline mittlerweile einen unübersehbaren Neuzugang präsentieren kann: Direkt an der Warschauer Brücke, über dem trubeligen Gewühl aus Touristen, Partyvolk, Zugezogenen mit Main-Character-Syndrom, den letzten Drogendealern und gestressten Pendlern ragt der Amazon-Tower empor – benannt nach dem US-Internetgiganten und Onlinehändler, der hier als Hauptmieter residiert.

Der Amazon-Tower (offizielle Bezeichnung: Edge East Side Tower) wird seit 2019 gebaut, in diesem Jahr soll der Innenausbau fertiggestellt werden. Bauherr ist der Projektentwickler Edge, Besitzer des Hochhauses ist die Immobilienfirma Pimco Prime Real Estate. Die Kosten für den von einem dänischen Architektenbüro entworfenen Bau belaufen sich auf etwa 400 Millionen Euro.

142 Metern reckt sich der Klotz gen Himmel, ohne aber die vertikale Vormachtstellung des eleganten und tatsächlich avantgardistischen Fernsehturms am Horizont ernsthaft zu gefährden. Einem gläserneren Pflock gleichend, bohrt sich der Neubau ins Herz des einst so unangepassten Friedrichshain, als wolle man verkünden: »Wir haben gewonnen, ihr habt verloren.« Hofiert von einer vor geistiger Provinzialität miefenden Stadtregierung feiert sich der globale Turbokapitalismus ausgerechnet in einer Gegend, die einmal als Vorreiterin progressiver und antikapitalistischer Experimente menschlichen Zusammenlebens galt.

Autor

Privat

Amadeus Marzai arbeitet als freier Journalist und beschäftigt sich mit stadtpolitischen Fragen seiner Heimat Berlin. Der Historiker und Politikwissenschaftler hat Internationale Beziehungen an der Universität Leiden studiert.

Selbstbeweihräuchernd bewerben die Projektentwickler ihren Bau als »Mittler« zwischen »zwei der lebendigsten und künstlerischsten Vororte Berlins: Friedrichshain und Kreuzberg«. Die Vielfalt und Andersartigkeit der Besiegten zelebriert man und heftet sie sich stolz ans Revers. Das erinnert an US-amerikanische Städte, die nach den Ortsnamen der Ureinwohner benannt wurden, die zuvor vertrieben oder ausgerottet wurden.

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Aber auch das Umfeld des Beinahe-Wolkenkratzers erinnert an Chicago, Manhattan oder Milwaukee. So ist das einstmals heiß umkämpfte Spreeufer-Filetstück nördlich des Amazon-Towers inzwischen zu einer seelenlosen Betonwüste aus Konsum, Unterhaltungskommerz und luxuriösen Eigentumswohnungen verkommen, die man in dieser Kombination eher in einer beliebigen US-Großstadt mittlerer Größe vermuten würde. Die verzweifelte Berliner Großmannssucht verkommt an der East Side Gallery ungewollt zu einer billigen Persiflage längst aus der Zeit gefallener Stadtbauideen.

Aber zurück zum Amazon-Tower. Natürlich haben die Architekten der Macht ihre neueste Kathedrale des Kapitals hübsch verpackt: grüne Energie, Recycling, urbaner Gartenbau! Von einem der »gesündesten Hochhäuser Deutschlands« ist verdächtig vielsagend die Rede. Doch hinter der Fassade aus Glas und Stahl gedeiht weder Hoffnung noch bunte Berliner Vielfalt, sondern die konformistische Monokultur des Großkapitals. Die vielen Menschen, die der Gegend ihren rauen Charme verliehen haben, dürfen derweil aus sicherer Entfernung bestaunen, wie es sich die neuen digitalen Feudalherren in ihrem Prachtbau gemütlich machen.

Denn im Schatten des Turmbaus werden gewachsene Sozialstrukturen unter dem Druck des immer weiter entfesselten Marktes regelrecht zermalmt: Mieten explodieren, tausende Friedrichshainer Wohnungen fallen aus der Sozialbindung, wertvolle Orte des Miteinanders wie Buchhandlungen oder Clubs sind von Schließung bedroht und die Partyszene wird immer mehr verdrängt nach Schöneweide – früher als »Schweineöde« verfemt. Auch die gutbürgerliche Prenzlbergisierung des nahegelegenen Samariterviertels stellt den Charakter des Ortsteils infrage. Friedrichshain ist die neueste und härteste Front im Kampf um die Seele Berlins.

Während Bauarbeiter aktuell mit den letzten Etappen des Innenausbaus beschäftigt sind, erinnern Farbbeutelkleckse an der Fassade des Hochhauses an hilflosen Widerstand. Cineasten könnten sich ungut erinnert fühlen an die Eröffnungssequenz von »Avatar« und die Jagdpfeile der Na’vi-Ureinwohner, die sich zweck- wie hilflos in die riesigen Räder der menschlichen, der Rohstoffausbeutung dienenden Sattelkipper bohren.

Während die städtische Lebensqualität einem weitreichenden Spardiktat des Senats anheimfällt, wächst mit dem Estrel-Tower nur wenige Kilometer entfernt der nächste private Hochhausprotzbau. Estrel und Amazon – die zwei Türme – werfen ähnlich wie in »Der Herr der Ringe« dunkle Schatten voraus und verkünden den Stadtteilen zu ihren Füßen gnadenlose Gentrifizierung im glänzenden Fortschrittsgewand.

Aber während Berlins nutzlose Türme wachsen, schrumpft die zunehmend marode Stadt als Zuhause der vielen Menschen. So ist auch der Amazon-Tower weniger ein »architektonisches Wahrzeichen« als ein Symbol für den Ausverkauf Berlins. Er ist aber auch ein unmissverständlicher Denkzettel für jene, die hofften, das wiedervereinte Berlin würde ihnen jemals selbst gehören.

Erstveröffentlich im nd v. 9.1. 2025
https://www.nd-aktuell.de/artikel/1188022.edge-east-side-tower-amazon-tower-in-friedrichshain-schrecklichster-neubau-berlins.html

Wir danken für das Publikationsrecht.

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