Vor der „Rentenreform“: Lügen, Täuschungsmanöver und Spaltungsversuche – Widerstand organisieren!

Beim großen Schleifen des Sozialstaats hat sich die Bundesregierung als letztes die Renten aufs Korn genommen. Auch bei den Renten wird es ums Eingemachte gehen. Um die „Reform“ vorzubereiten und mehr Akzeptanz zu schaffen wird erstens gelogen und getäuscht. Zweitens werden Rentner:innen und Nichtrentner:innen gegeneinander ausgespielt. Drittens sollen die „Reformen“ scheibchenweise in Kraft treten, damit wir sie leichter „runterschlucken“ können.

Renten steigen stärker als Löhne

„Arbeitgeberpräsident“ Dulger: „Es ist den Beitragszahlern nicht zu vermitteln, dass die Renten in diesem und dem kommenden Jahr mit jeweils über 4% deutlich stärker steigen sollen als Löhne und Preise.“ Dabei weiss dieser Herr (der nie von gesetzlicher Rente leben muss) ganz genau, dass die Renten nicht willkürlich erhöht werden, sondern an die Reallohnentwicklung gekoppelt sind. Mit anderen Worten: er lügt. Im Gegenteil, die Rentenerhöhung wird aufgrund des Nachhaltigkeitsfaktors sogar gegenüber den Löhnen „gedämpft“. Dulger lügt nicht nur, er lügt dicke! Und er versucht damit, die beitragzahlenden Arbeiter:innen gegen die Renterner:innen aufzubringen.

Wenn Reiche zahlen oder verzichten sollen, ist das noch lange kein Grund, dass Notmalverdiener oder Arme ebenfalls zur Kasse gebeten werden.

Bundestagsabgeordnete behaupten, sie gingen mit „gutem Beispiel“ voran, wenn sie auf eine Erhöhung ihrer Diäten verzichten. Augenwischerei und Täuschung. Bei Bundestagsabgeordneten geht es um ein „nettes Zückerchen“, bei vielen Rentner:innen aber um die nackte Existenz, denn die Lebenshaltungskosten steigen und steigen.

Die Renten sind in Deutschland zu hoch.

„Die Renten sind in Deutschland zu hoch“. Diese wiederholt in die Debatten gestreute Behauptung soll den Eindruck erwecken, die Renter:innen in Deutschland würden weltweit mit an der Einkommensspitze liegen. Tatsächlich ist im internationalen Vergleich der Industrieländer die gesetzliche Rente in Deutschland unterdurchschnittlich, obwohl Deutschland wirtschaftlich zu den stärksten Ländern gehört.

Das Rentenniveau – Rente in Prozent des letzten regulären Einkommens – liegt im OECD-Durchschnitt bei 61%. Das Renteniveau in Deutschland liegt deutlich darunter bei etwa 48 Prozent.


Das bestehende Rentensystem wird für eine alternde Gesellschaft unbezahlbar.

Das von Wirtschaftsexperten am häufigsten vorgebrachte Argument ist: Deutschland sei eine alternde Gesellschaft, für die das bestehende Recntensystem unbezahllbar werde. Das Verhältnis von jungen arbeitenden in die Rentenkassen einzahlenden Menschen werde gegenüber der steigenden Anzahl von Rentenbezieher:innen immer ungünstiger.

Unter den Tisch gekehrt werden dabei zwei Tatsachen:

  • Deutschland wendet trotz höherer Wirtschaftsleistung weniger vom BIP für Rentner:innen als die meisten Vergleichsländer auf. Ursache davon ist: Das Geld wandert in andere Taschen. Zum einen in die Taschen der Superreichen und Milliardäre. Kaum irgendwo sonst ist deren Zahl so sehr angestiegen wie in Deutschland. Zum anderen reicht das Geld für die geplante Militarisierung der Gesellschaft hinten und vorne nicht. Kaum ein anderes Land steigert aktuell seine direkten und indirekten Militärausgaben so stark wie Deutschland und belastet seine Staatshaushalte damit.
  • das Verhältnis von Jung und Alt, Arbeitenden und Rentenbezieher:innen liesse sich leicht und schlagartig verbessern. Durch eine neue Willkommenskultur für Aufnahme und Integration von Menschen aus anderen Ländern!

Die Rentner:innen heute leben gut auf Kosten der Jungen

Die Realität ist: Schon ohne „Reform“ breitet sich Altersarmut seit Jahren rasant aus. Inzwischen müssen ca. 800 000 Rentner:innen sogar Grundsicherung beziehen. Die Anzahl Rentner:innen, die Grundsicherung erhalten, ist letztes Jahr um 3,4 Prozent angestiegen. Die Rentenerhöhung wird auf die Grundsicherung angerechnet. Die Ärmsten der Armen gehen also leer aus. Auf sie bezogen wird Dulgers dicke Lüge auch noch richtig unverschämt.

Die Bruttorenten sollen statt auf Basis der „Lohnentwicklung“ auf Basis der Inflationsrate erhöht werden. Das bedeutet im Klartext Jahr für Jahr Verluste bei den Realeinkommen aller Rentner:innen und damit weitere Absenkung des heute schon unterdurchschnittlichen Rentenniveaus.

Wenn das Rentenniveau jetzt Schritt für Schritt abgesenkt wird, dann wird das im Alter vor allem die Jungen treffen.

Zudem soll das Renteneintrittsalter Schritt für Schritt erhöht werden. Auch das wird vor allem die jetzt Arbeitenden treffen. Besonders wer körperlich hart arbeitet oder in seinem Arbeitstsleben hohem Stress ausgesetzt ist, läuft Gefahr , das neue Renteneintrittalter gar nicht mehr gesund erreichen zu können. Es drohen zusätzliche Abschläge und gleichzeitig eine kürzere Bezugsdauer.

Der Gipfel an Zynismus sind Vorschläge, bei denen zum Beispiel pflegenden Angehörigen die Rentenbezugspunkte genommen werden sollen.

Ziel ist die Entlastung der Beitragszahler

Ja wirklich? Im Handelsblatt vom 16.6. heißt es dazu: „Vor allem die Arbeitgeber dringen darauf, dass die Rentenbeiträge zunächst stabilisiert und mittelfristig möglichst gesenkt werden müssten, um so die Arbeitskosten zu senken.“

Tatsächlich sollen die Beiträge ab Ende 2027 von 18,6 auf 19,9 Prozent ansteigen.

Bei der Verschiebung des Renteneintrittsalters geht es neben einer schnöden Kostensenkung darum, die Verfügungsgewalt des Kapitals über die Arbeitskraft auszudehnen. Arbeit schafft Mehrwert, sprich Profit, eine Ausdehnung der Lebensarbeitszeit führt zu einem Mehr an Arbeit, die ausgebeutet werden kann. Aus demselben Grund soll gleichzeitig der 8 Stundentag ausgehöhlt werden.

Last not least müssen im Windschatten der abenteuerlichen Belastungen durch die Militarisierung die sozialen Zuzahlungen aus den Staatshaushalten drastisch reduziert werden.

Um die Rentenkürzungen durchzuetzen, wird mit allen erdenklichen Tricks gearbeitet.

So fordert die SPD Vorsitzende und zuständige Arbeitsministerin von der Rentenkommission eine „einstimmige Empfehlung“. „Denn bei einem einstimmigen Votum wäre es für alle schwer, einfach Nein zu sagen.“ Hintergrund ist laut Spiegel, „dass bei deutlichen Einschnitten heftiger Widerstand zu erwarten ist, in der Bundesregierung vor allem vom linken Flügel der SPD.“

Widerstand organisieren – notwendiger denn je

Verdi hat bereits mehrere Protestaktionen, besonders am 10. und 11. Juni gegen die Angriffe im Gesundheitssystem, organisiert. Wir haben aufgerufen und berichtet. [1]„Spart doch lieber bei den Reichen“ – das reicht als linkes Lösungskonzept nicht aus! Sozialem Kahlschlag und Kriegskurs muss gemeinsam die Stirn geboten werden! [2] Warkens Horrorkatalog, Kürzungen und Angriff auf 8-Stundentag stoppen! Leider kein Wort von den Verantwortlichen zum Kriegskurs, der sich wie eine Phyton um den Hals des „Sozialstaats“ schlingt.

Paraellel dazu fand am 10.Juni ein Treffen der Bundesregierung mit den „Sozialpartnern“ statt. in ihrem Fazit begrüßte die Bundesregierung „die Bereitschaft der Gewerkschaften, den Reformprozess ‚konstruktiv zu begleiten'“.

Ganz anders hatte vorher die erste Vorsitzende der IG Metall richtigerweise der Politik damit gedroht, dass die „Hütte brennt“, wenn die Regierung „die Rente kürzt“.

Für den 27.Juni rufen nun die DGB Gewerkschaften, allen voran die IG Metall zu breiten Protesten gegen die soziale Kahlschlagspolitik der Bundesregierung auf.
„Jetzt reicht’s! Komm zur Demo für den Sozialstaat.“ Eine der Hauptforderungen: „Finger weg von der Rente“!

Wir schliessen uns dem Aufruf an: „Kommt zahlreich zu den Protesten“.

Aber „Hütte brennen“ sieht anders aus. Mobilisierung und Aktionen der Gewerkschaftsführungen kommen reichlich spät. Mit wenigen verbal kräftigen Protesten ist es nicht getan. Von weiterführenden Aktionen nach dem 27. Juni ist nichts bekannt.

Sie verraten und verhökern momentan ALLES für ihre Profit- und Kriegswirtschaft: Sozialstaat, Feiertage, 40 Stundenwoche, Rentensytem, 8 Stundentag, Gesundheit, Arbeitnehmer*innenrechte.

Dieses Trommelfeuer an Angriffen auf die Lebensinteressen der arbeitenden Bevölkerung macht eine konzertierte Antwort notwendig. Ein Widerstand mit koordiniert nachhaltigen und für das Kapital spürbaren Kampfaktionen aller Beschäftigten und Gewerkschaften muss organisiert werden. Wirkliche Erfolge beim Kampf gegen die sozilae Angriffswelle sind nur möglich, wenn die „Abwehr der alles verschlingenden Militarisierung“ dabei nicht ausgeklammert wird.
Mehr zum Thema Kampf gegen das soziale Trommelfeuer hier:   "Spart doch lieber bei den Reichen“ – das reicht als linkes Lösungskonzept nicht aus! Sozialem Kahlschlag und Kriegskurs muss gemeinsam die Stirn geboten werden!

Zum Schluss ein paar wütende Kommentare aus der Mitglieschaft zu den „Rentenkürzungsplänen“:

Es ist pervers, dass die Maden dieser Gesellschaft, anderen mehr zumuten wollen Das Eintrittsalter in die Politik sollte erhöht werden und mindestens 10 Jahre in einem normalen Job als Erwerbstätiger liegen. Ihre einzige Leistung bestand darin, durch Netztwerken ihre Karriere abzusichern. Zu erinnern wäre zudem daran, dass sie das durchschnittliche Einkommen noch nicht einmal benennen konnte. Peinliche Politikquasselstrippe.

Geht es hier um ein menschenwürdiges Leben, um die Wertschätzung von Arbeit, oder dreht sich alles nur um das Kapital!? Diejenigen, die Milliarden in Kriege investieren, schätzen weder Menschenleben noch Arbeit. Und sie wissen nicht, was es heißt, im Dreischichtbetrieb zu arbeiten. Diejenigen, die in luxuriösen Sesseln sitzen, wissen nicht, was Arbeit ist.

Das reale Renteneintrittsalter findet dann statt, wenn die Leute arbeitslos auf der Straße stehen, und sie keiner mehr einstellt. Die Erhöhung des fiktiven Renteneintrittsalters war schon so gedacht, dass dieses Rentenalter eh keiner mehr erreicht, also als Rentenkürzung.

.Merz, Lang und Co. wissen ja, dass kein Fliesenleger bis 70 arbeiten wird, sondern er so oder so mit spätestens 60 körperlich gebrochen mit Abschlägen in Rente gehen muss. Die „offizielle“ Zahl anzuheben dient nur dazu, die Höhe dieser früheren Verrentung möglichst stark nach unten zu drücken. Schweine sind diese Politiker.

Keine kraftmaierischen Sprüche mehr. Handeln. Und zwar in den Betireben!

Titelbild: Collage Peter Vlatten

„Spart doch lieber bei den Reichen“ – das reicht als linkes Lösungskonzept nicht aus! Sozialem Kahlschlag und Kriegskurs muss gemeinsam die Stirn geboten werden!

„Spart doch lieber bei den Reichen.“ Von den Reichen holen und damit die sozialen Löcher stopfen. Die Linke startete Anfang Juni dazu eine politische Kampagne. Gut so. Die Millionäre und vor allem die Milliardäre sollen zahlen. Nicht die Armen. Gut auch wenn die Linke gegen den sozialen Kahlschlag die Menschen mobilisiert.

Aber lässt sich die soziale Kürzungsorgie, die wir momentan erleben, durch eine solche Umverteilung stoppen?

Dazu ein grundsätzliches Nein. Umverteilung allein hat kurze Beine. Die Umleitung von Geldern der Reichen zur Finanzierung sozialer Leistungen kann lediglich die Auswirkungen der Angriffe abmildern. Die Richtung von dem, was wir gerade erleben, „massiv alle sozialen und demokratischen Standards abzusenken“, wird sich dadurch nicht ändern. Die Einnahme von Steuergeldern von Reichen garantiert in keiner Weise, dass diese Steuergelder für gesellschaftlich soziale Leistungen und nicht primär für private „Unternehmensanreize“ oder Militarisierung verwendet werden.

Schon Karl Marx sprach im Zusammenhang mit derartigen Umverteilungsforderungen von „vulgärem“ Sozialismus:

„Die jedesmalige Verteilung der Konsumtionsmittel ist nur Folge der Verteilung der Produktionsbedingungen selbst. […] Der vulgäre Sozialismus […] hat es von den bürgerlichen Ökonomen geerbt, die Verteilung als von der Produktionsweise unabhängig zu betrachten und zu behandeln, daher den Sozialismus hauptsächlich als um die Verteilung sich drehend darzustellen.“ [1]Gothaer Programm von 1875

Umverteilung ändert nichts an den ökonomischen und kapitalistischen Produktions- und Machtverhältnissen.

Umverteilung ändert nichts an den systemischen Zwängen, die aus den kapitalistischen Produktionsverhältnissen resultieren. So sucht Kapital immer neue Anlagemoglichkeiten, um sich zu vermehren und Profite zu realisieren. Dazu wurden u.a. in den letzten Jahrzehnten immer mehr Leistungen der öffentlichen Daseinsvorsorge privatisiert, den Gesetzen des „freien“ Marktes und den Verhältnissen zur Profitmaximierung unterworfen.

Nehmen wir als Beispiel Entwicklungen im Gesundheitssystem und bei der Altenheimpflege.

Die allgemeinen Kosten für einen Pflegeheimplatz sind mit 50 Prozent in den letzten zehn Jahren deutlich stärker gestiegen als die allgemeine Inflation und die Renten. Dabei sind die monatlichen Eigenanteile, die Bewohner im ersten Pflegejahr in einem Heim selbst tragen müssen. von 1650 Euro in 2015 überdurchschnittlich um über 100 Prozent auf 3225 Euro in 2026 gestiegen. Die Belastung der Bewohner – also perspektivisch von uns allen – ist damit doppelt so hoch gestiegen wie die Zuschüsse von Versicherung und Staat. Das jüngste sogenannte Reformprogramm steigert die überproportionale Belastung von Pflegebedürftigen und Versicherten weiter. Zu den Preissteigerungen kommen jetzt gewaltige Leistungseinschränkungen hinzu.

Fazit: um die Profite zu sichern steigt kontinuierlich die finanzielle Belastung von Pflegebedürftigen und Versicherten an – bei tendenziell gleichzeitiger Einschränkung der Leistungen und verschärfter Ausbeutung der Beschäftigten.

Betrachten wir einen Entwicklungsstrang im Gesundheitssystem: Gewinne entstehen vor allem dann, „wenn die Erlöse aus Behandlungen höher sind als die Personal-, Sach- und Investitionskosten“.

Die Folge: das Leistungsangebot orientiert sich nicht am Bedarf der Patienten, sondern wird eingeschränkt, wo es nicht lukrativ ist bzw verschiebt sich nach dort, wo die Behandlung die meisten Gewinne abwirft.

Mehr Geld hilft in der Regel nicht dem Patientenwohl, solange das gesamte Gesundheitssystem systemisch an der Maximierung von Profiten ausgerichtet wird.

Mal in meinen Worten: Vermögen existiert in der Regel ja nicht unterm Kopfkissen, und wo man sich dann einfach ein paar Scheine rausnehmen kann. Sicherlich das mag für einige Bundestagsabgeordnete, einige Fernsehmoderatoren oder ähnliche Leute aus einem eher unproduktiven Sektor so der Fall sein. Aber gesamtgesellschaftlich ist das doch eine Nullnummer, und vor allem mit Blick auf die, die Milliardäre sind. Da besteht „Reichtum“ bzw. Vermögen in der kapitalistischen Gesellschaft doch vor allem strukturell. Also in der Form von Fabriken, Maschinen oder sonstigen Produktionsmitteln, die es dem Eigner dieses Kapitals ermöglichen, dieses durch die Ausbeutung von fremder Arbeitszeit, die man sich für einen Lohn einkauft, dann zu verwerten. Und diese vorherrschende Variante von „Reichtum“ kann man nicht einfach aufteilen und einen Teil davon dann konsumieren, jedenfalls nicht ohne damit die Produktion in Frage zu stellen.

Man kann es freilich enteignen, vergesellschaften, um damit der Logik dieser Kapitalverwertung zu entkommen, also höhere Löhne und auch allgemein bessere Reproduktionsbedingungen für die arbeitenden Menschen grundlegend und qualitativ durchzusetzen.

Letzteres kann und solte man auch kreativ denken, also im Sinne einer Dialektik zwischen Reform und Revolution. Einschränkung der Verfügungsgewalt über das Kapital, etwa durch Kapitalverkehrskontrollen, Regulierung der Arbeitszeiten, um der Ausbeutungsrate Grenzen aufzuerlegen usw. Denn all das und weiteres schränkt die reale Verfügungsgewalt über das Kapital – den „Reichtum“ – zumindest schon mal ein.

Andreas Grünwald, 2. Juni 2026

Mehr Steuergelder von Reichen ändern auch nichts an dem von der Politik eingschlagenen deutschen Großmachtkurs, dessen Kosten Angriffe auf die Sozialsysteme in bisher nicht gekanntem Maße unausweichlich machen.
1. Mai Berlin 2026, Gewerkschafter:innen verhöhnen die Kanzlerökonomie

Deutschland, lange Zeit Exportweltmeister in einer globalisierten Weltwirtschaft, liegt auf Platz 3 der größten Volkwirtschaften. Deutschland und seine Konzerne müssen sich aus kapitalistisch imperialistischer Logik – zum Erhalt ihrer Stellung und Profite – zur politischen und militärischen Großmacht entwickeln, um sich ökonomisch weiter in einer Welt immens gewachsener Konflikte und geopolitischer Verwerfungen behaupten zu können. Das verlangt massive finanzielle und strukturelle Anstrengungen wie die Schaffung eines militärisch industriellen Komplexes, den Aufbau einer führenden globalen Militärmacht, die Militarisierung der gesamten Gesellschaft – und zwar in kürzester Zeit. Alle Weichen werden auf „kriegsstüchtig“ und inzwischen erklärtermaßen auf „militärische Überlegenheit in Europa“ und damit auf „angriffstüchtig“ gestellt . Eine selbsterfüllende Prophezeiung, die das Risiko von Krieg potenziert.

Aber schon die ökonomischen Folgen für die Bevölkerung sind verheerend. Arbeitskraft und Produktionskräfte werden in Massen für die Schaffung einer Tötungsmaschinerie vergeudet, statt sie zum Wohle der Gesellschaft einzusetzen. Ein Beispiel. Große Teile der deutschen Baukapazitäten fließen in militärisch relevante Projekte wie Kasernen, Bunker , Panzer belastbaren Brückenbau und bringen den Wohnungsbau weiter zum Erliegen. Kein Wunder, dass der Druck steigt, die Menge der verfügbaren Arbeitskraft durch Verlängerung der Arbeitszeit zu vergrößern und der 8 Stundentag geschliffen werden soll, wenn ein ständig wachsender Anteil der Arbeitskraft für Leben zerstörende Produkte statt das Leben lebenswert machende Produkte eingesetzt wird. Gleichzeitig werden in beispielloser Höhe Schulden angehäuft, die die Zinsbelastung zukünftiger Haushalte unkontrollierbar verschärft und die Inflation antreibt.

Während der Staat bei der öffentlichen Daseinsvorsorge sich aus seiner Verantwortung stiehlt, steigert er sein direktes Engagement im militärischen Bereich.

Beispiel. Pistorius will 40 Prozent des Rüstungskonzerns KNDS erwerben, der demnächst an die Börse geht. Das kostet etwa 8 Milliarden Euro. Wer bekommt dieses Geld? Die Hälfte der Anteile an KNDS hält aktuell die Wegmann-Unternehmensholding mit rund 26 Gesellschaftern vor allem aus den Familien Bode und von Braunbehrens. Sie sind die Nachfahren von SS-Sponsoren und NS-Wirtschaftsführern, die mit dem Bau von Panzern und der Ausbeutung von Zwangsarbeitern und Kriegsgefangenen schon damals ein Vermögen gemacht haben.

Die geschaffene Monopolstellung der Rüstungskonzerne mit staatlich garantierter Abnahme sichert ihren Eigentümern permanente Extraprofite. Es entsteht eine nicht abreiẞende Preiseskalationsspirale, die immer wieder neue Löcher in die Staatshaushalte reißt, die dann aus anderen gesellschaftlichen Bereichen gestopft werden müssen.

Sie verraten und verhökern ALLES für ihre Kriegswirtschaft: Sozialstaat, Feiertage, 40 Stundenwoche, Rentensytem, 8 Stundentag, Gesundheit, Arbeitnehmer*innenrechte.

Das gegenwärtige Trommelfeuer an Angriffen auf die Lebensinteressen der arbeitenden Bevölkerung macht eine konzertierte Antwort und koordinierte Kampfaktionen aller Beschäftigten und Gewerkschaften notwendig!

Sicher. Die Reichen besteuern ist eine gute Idee. Aber das hat kurze Beine. Denn wohin geht das Geld? Der Kreislauf der Kriegswirtschaft, dieser nimmersatten alle anderen Bereiche verschlingenden Krake, muss durchbrochen werden. Daseinsvorsorge muss dem profitorientierten kapitalistischen Markt- und Produktionsgeschehen wieder entrissen werden. Daseinsvorsorge unter öffentliche Kontrolle ! Staatliche Gelder muss es vermehrt für Jugendhilfe, Gesundheit, Bildung usw. geben. Aber auch zum Beispiel die Konversion der Automobilindustrie in gesellschaftlich nützliche Produkte statt in eine Tötungsmaschinerie kann unter kapitalistischer Federführung nicht gelingen. Die Verfügungsgewalt des Kapitals über die mehrwertschaffende Arbeitskraft muss eingeschränkt statt erweitert werden. Arbeitszeitverkürzung statt Aufweichung des 8 Stundentags. Kapitalverkehrskontrollen müssen her, um dem Standortpoker der großen Konzerne einen Riegel vorzuschieben.

Eine Wende der „Zeitenwende“ muss her. Wirklich wenden lässt sich aber nur etwas, wenn der Protest über symbolische Aktionen hinausgeht, in hartnäckigen Widerstand mündet bis hin zu politischen Streiks.

Die Abwehr der unverschämten Angriffswelle, die uns momentan überrollt, kann umso eher gelingen, je mehr die Beschäftigten aller Branchen zusammenarbeiten und hinsichtlich Kampfbereitschaft und Forderungen in die Offensive gehen. Sie müssen die öffentliche Kontrolle über wichtige Teile der Ökonomie zur sinnvollen gesellschaftlichen Verwertung einfordern sowie Kriegswirtschaft und Großmachtmachtkurs die Gefolgschaft verweigern.

Fotos: Peter Vlatten

Diese Woche stehen Proteste gegen die Angriffe im Gesundheits- und Pflegesystem an . Beteiligt Euch!

References

References
1 Gothaer Programm von 1875

Die Militarisierung verschlingt uns – Studierende wie Unis, die dem zivilen Gemeinwohl dienen wollen!


Berlin, 30.05.2026. Redebeitrag von Jonas Winkler (Mitglied von Jugend gegen Krieg und Sozialabbau bzw. Studierende gegen Krieg und Sozialabbau an der Universität in Leipzig ) auf der Friedenskonferenz Berlin zur Vorbereitung der Londoner Europäischen Friedenskonferenz.

Die Militarisierung verschlingt uns – Studierende wie Unis und das zivile Gemeinwohl!

Vor 11 Tagen sperrte die Uni-Leitung für 700 Leipziger Studierende den Hörsaal und verbot ihre Vollversammlung. Die Studierenden blieben, diskutierten auf dem Uni-Hof im Freien. Sie verabschiedeten eine Resolution für einen akademischen Boykott Israels und die Einführung einer Zivilklausel. Militärische Forschung und Zusammenarbeit mit militärischen Institutionen soll für die Uni verboten sein!

In Dresden kämpfen ForscherInnen gegen die Annahme eines Militärauftrags zur Drohnenforschung für den israelischen Rüstungskonzerns Elbit Systems. An der TU Dresden gibt es ebenfalls keine Zivilklausel, die die Forschenden schützt vor derlei Aufträgen.

An den bayrischen Unis wurden durch Beschluss der Landesregierung Zivilklauseln verboten. Zivilklauseln sind den Regierenden ein Dorn im Auge, sie müssen weg, denn die Kapazitäten der Hochschulen sollen uneingeschränkt der militärischen Forschung zur Verfügung stehen.

Das gehört zur Militarisierung der Gesellschaft. Doch es gibt noch einen zweiten Weg, die Hochschulen zu zwingen, sich dem Diktat der Kriegsvorbereitung zu beugen: das Geld.

Die Bundes- und Landespolitik der letzten Jahre haben eine chronische Unterfinanzierung verursacht. Forschung ist nahezu nur noch mit sogenannten Drittmitteln, also Geld aus der Privatwirtschaft, möglich. Eine Form der Privatisierung der Forschung. Wer das Geld gibt, bestimmt auch den Inhalt. Hier wiegt sich die Administration der Uni in Hoffnung, vom reich ausgestattete Militär Gelder zu bekommen.

Gleichzeitig stehen wir Studierenden vor einem gigantischen Abbau von Lehr- und Forschungskapazitäten. Module werden nicht mehr angeboten und Arbeitsplätze abgebaut.

Der Abbau der Landesregierung für die Leipziger Uni umfasst Kapazitäten für 16Mill.€. Dabei gab es schon massive Kürzungen in den Jahren davor. In anderen Bundesländern findet ähnliche Zerstörung statt: an der Goethe-Uni in Frankfurt/Main geht es um 10% weniger. Der Hochschulpakt Hessen bedeutet für die hessischen Hochschulen über seine Laufzeit ein Defizit von über 1 Mrd.€, errechnete die GEW. In Berlin ist der Abbau von 20-25.000 Studienplätzen geplant. An der Uni Hamburg wird das Budget um 13% gekürzt.

Ausbildungsgelder werden verknappt – Ausbildung zum Privileg statt zum Recht. Eine auf Krieg ausgerichtete Gesellschaft braucht Soldaten, die töten sollen, und keine wissenden Jugendlichen.

Deshalb auch wird nichts für die Verbesserung der Existenzlage der Studierenden getan.

Statistiken aus 2024 wiesen bereits mehr als jeden dritten Studierenden als armutsgefährdet aus, 77% der Studierenden, die nicht mehr bei ihren Eltern leben, sind arm – die heutigen Zahlen sind noch höher! -, nur 10% insgesamt bekommen überhaupt Bafög. Und das kommt aktuell immer öfter zu spät – z.T. über Monate überhaupt nicht. Die so verursachten schweren existentiellen Krisen bedrohen besonders Kinder aus Arbeiterfamilien. Aufgrund solcher traumatisierenden Erfahrungen brechen nicht selten Studierende das Studium ab oder bemühen sich nicht um die Fortsetzung als Masterstudium. Wir erleben eine massive Dequalifikation.

Neben dem Studium werden wir in prekäre Arbeitsverhältnisse gezwungen. So werden in manchen Städten Lücken bei öffentlichen Dienstleistungen geschlossen wie in Dresden bei Straßenbahnfahrern, nur außerhalb des Tarifsystems.


Die Wohnungsnot ist für alle ein Problem, auch für Studierende, die für die Ausbildungszeit Wohnraum brauchen. Den Studentenwerken werden die Mittel gekürzt. Es gibt nicht genügend Studentenwohnheime. In den Kommunen findet kaum sozialer Wohnungsbau statt. Und durch die Kriegsvorbereitung und die Planung neuer Musterungsplätze und Militäranlagen werden z.B. in Heidelberg und Köln geplante Sozialwohnungen nicht gebaut, sondern der Platz dem Militär übergeben.

Das alles treibt die Mieten in die Höhe, so dass WG-Mieten inzwischen so teuer sind wie vormals Einzelwohnungen. An Hochschulstandorten liegt der Standardpreis aktuell bei durchschnittlich 524€. Ein WG-Zimmer in Leipzig kostet 400€,in Berlin 680€, in München 775€. Die Wohnkostenpauschal beim Bafög liegt bei 380€.

Diese existenzbedrohende soziale Situation für Studierende, die Zerstörung der Ausbildungsstätten und Abbau von Studiermöglichkeiten und die Öffnung der Unis für Militärforschung sind Elemente des sozialen Krieges der Regierung gegen die Bevölkerung. Sie dienen der Kriegsvorbereitung der Regierung durch Militarisierung der Gesellschaft, Kriegswirtschaft und Aufrüstung und Umverteilung öffentlicher Mittel in den Kriegs- und Militärhaushalt.

Es gibt Widerstand. Die Forschenden in Dresden wehren sich gegen den Militärauftrag aus Israel. Die verbotene Vollversammlung der 700 Studierenden in Leipzig verabschiedet einstimmig die Forderung nach einer Zivilklausel. Die 1500 Studierenden in Leipzig im Oktober 2024 fordern elternunabhängiges Grundeinkommen als Existenzsicherung für alle. Die Studierenden unterstützen die Aktionen der SchülerInnen gegen die Wehrpflicht: tausende kommen zu den Demos am Nachmittag im Rahmen des Schulstreiks. „Wir werden nicht in den Krieg ziehen“ – wird zu einer gemeinsamen und internationalen Jugendlosung.


Die Jugend ist gegen den Krieg – mehrheitlich. Die Bevölkerung ist gegen den Krieg – mehrheitlich. Diese kriegstreibende Regierung muss weg ! Die Regierung Merz/Klingbeil gehört abgelöst, weil sie unsere Lebensgrundlagen zerstört. Nichts wird aufgebaut – die Zerstörung greift grenzenlos um sich. Merz steht zynisch, frech und offen für eine Politik der Umverteilung zugunsten des Finanzkapitals – zu dem er selbst gehört – und der Monopole, die endlich Krieg haben wollen, um ihren Profit zu sichern.

Deshalb macht es dieser Regierung auch nichts aus, dass die Deindustrialisierung fortschreitet. Dass Klein- und mittlere Unternehmen im Strudel der Inflationskosten durch Sanktionen und Kriegsfolgen ins Aus getrieben werden. Dass Metallbetriebe ins Rüstungsgeschäft umsteigen und dabei tausende Arbeitsplätze abbauen, um eine Produktion aufzubauen, die sich nur bei Krieg lohnt.

Dagegen brauchen wir eine Front, die gegen diese Politik steht. Eine Einheitsfront, die unter Forderungen, die wir alle tragen, den Ring immer enger ziehen kann gegen die Kriegstreiber und Gewinnler der Zerstörung.

Die Regierung Merz/Klingbeil muss weg. Wir brauchen eine Regierung, die unsere Forderungen aufnimmt und umsetzt. Weil wir leben wollen, weil wir die Verantwortung für uns und diesen Planeten haben. Wer soll dann kommen. Es gibt nur eine Lösung: eine ArbeiterInnen-Regierung. Eine Regierung die mit der Kriegstreiberei und der sozialen Zerstörung bricht!

Dazu müssen wir nicht alle Konflikte begraben – Nein, wir müssen nur die einenden Forderungen finden, die gemeinsames Handeln ermöglicht. Und diese können nur sein: NEIN zum Krieg! NEIN zum Sozialabbau!

Titelbild: Collage Peter Vlatten, Ausschnitt aus Titelseite aus „Jugend gegen Krieg und Sozialabbau“

jugendgegenkriegundsozialabbau@gmail.com

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