Aktuelle Eskalation der US-Politik gegenüber Lateinamerika

Der völkerrechtswidrige Angriff der USA auf Venezuela hat selbstverständlich bei allen, die sich seit Jahren mit der Entwicklung Lateinamerikas befassen, seien es Latinos, deutsche InternationalistInnen oder WissenschaftlerInnen Sorge und Empörung hervorgerufen. Sie sehen es auch als Bedürfnis und Pflicht, dies öffentlich zu machen. Wir publizieren hier beispielhaft eine Erklärung des Lateinamerikaforums e.V. Das Lateinamerika-Forum Berlin ist ein gemeinnütziger Verein und hat sich als Stätte der Begegnung zum Ziel gesetzt, Brücken zwischen Berlin und Lateinamerika zu schlagen. Das LAF Berlin richtet sich an alle Menschen mit Interesse für die Region, wie Aktivist:innen, Studierende, Wissenschaftler:innen und Fachkräfte der Entwicklungszusammenarbeit. Kurz: der Verein steht allen offen, die sich für die Intensivierung der Beziehungen zwischen Lateinamerika und Deutschland einsetzen. (aus dem Selbstverständnis) Jochen Gester

von Kristin Bergen

Erklärung des Lateinamerika-Forums Berlin (LAF Berlin) zu der aktuellen Eskalation der US-Politik gegenüber Lateinamerika

Die jüngsten internationalen Entwicklungen geben Anlass zu größter Sorge. Die mit militärischer Gewalt vollzogene Entführung des venezolanischen Präsidenten Nicolás Maduro und seiner Ehefrau Cilia Flores sowie die massiven Drohungen der Trump-Regierung gegenüber Kuba, Kolumbien und Mexiko markieren eine neue Eskalationsstufe der US-Außenpolitik gegenüber der lateinamerikanischen Region.

In Lateinamerika selbst werden diese Vorgänge intensiv diskutiert und eindeutig bewertet. Danach handelt es sich nicht um isolierte Ereignisse, sondern um eine gefährliche Verschärfung geopolitscher Machtpolitik der US-Administration mit weitreichenden Folgen für den Subkontinent, aber auch darüber hinaus: Die nach dem Ende des 2. Weltkriegs etablierte, regelbasierte Weltordnung droht durch das Chaos neo-imperialer Gewaltherrschaft ersetzt zu werden.

Vor diesem Hintergrund sind die beschwichtigenden Erklärungen der Europäischen Union und die halbherzigen Äußerungen der Bundesregierung beschämend. Dieses Wegducken wird nicht nur in Lateinamerika mit Unverständnis wahrgenommen: Die mit dem Völkerrecht begründete Positionierung der europäischen Staatengemeinschaft gegen den Angriffskrieg Russlands in der Ukraine wird haltlos, wenn militärische Interventionen der USA in Lateinamerika „toleriert“ werden.

Als Lateinamerika-Forum Berlin sehen wir uns in der Pflicht, zu dieser Entwicklung Stellung zu beziehen. Seit über 30 Jahren haben wir uns in zahllosen Veranstaltungen, Analysen und öffentlichen Debatten intensiv mit den sozialen, wirtschaftlichen, kulturellen und politischen Dynamiken in Lateinamerika (nicht zuletzt in Venezuela) befasst – ganz im Sinne unseres Ziels, Brücken der Verständigung zwischen Deutschland/Berlin und Lateinamerika zu schlagen.

Wir warnen eindringlich vor den Folgen neo-imperialer Politik: Die Negierung des Völkerrechts, die Normalisierung der Drohung mit militärischer Gewalt und deren tatsächlichen Anwendung sowie der Einsatz wirtschaftlicher Sanktionen und politischer Interventionen zur Durchsetzung geopolitischer Ziele gefährden demokratische Prozesse, verschärfen gesellschaftliche Konflikte und können die politische Stabilität ganzer Regionen unterminieren.

Wie entsprechende Äußerungen aus der US-Administration belegen, ist eine direkte Einflussnahme der USA auf die 2026 anstehenden Wahlen in Kolumbien, Peru und Brasilien zu befürchten. Die Geschichte Lateinamerikas zeigt, dass solche externen Eingriffe katastrophale Folgen für die gesellschaftspolitische Entwicklung der betroffenen Länder haben.

Das Lateinamerika-Forum Berlin (LAF) fordert von der Bundesregierung:

  • eine klare und öffentliche Positionierung zu den aktuellen Entwicklungen – diese sind nicht „komplex“, sondern eindeutig;
  • ein aktives Eintreten für Völkerrecht, politische Souveränität, Achtung der Menschenrechte und demokratische Prozesse in Lateinamerika;
  • sowie eine selbstbewusste europäische Außenpolitik, die sich nicht erneut zum passiven Zuschauer geopolitischer Eskalationen macht.

Gerade in einer Zeit zunehmender globaler Spannungen ist politische Klarheit notwendig. Schweigen ist keine neutrale Haltung – es ist eine politische Entscheidung. Lateinamerika steht vor turbulenten Zeiten. Deutschland darf nicht wegsehen, sondern muss seiner Mitfverantwortung gerecht werden.

Berlin, den 10. Januar 2026
Lateinamerika-Forum Berlin (LAF) Präsidium und Vorstand

Erklärung des LAF Berlin

https://lateinamerikaforum-berlin.de/

E-Mobilität: Am Beginn der Lieferketten

Eine Bildungsreise nach Serbien

Lars Hirsekorn, Januar 2026

Bild: Mittagspause bei der gewerkschaftsnahen Initiative Radnički glas in Belgrad | Foto: Lars Hirsekorn

Die Transformation zur Elektromobilität ist in aller Munde. Bei VW und anderen Autobetrieben diskutieren wir über neue Technologien, Qualifizierung, Standort- und Beschäftigungssicherung. Doch selten sehen wir, unter welchen Bedingungen die Rohstoffe unserer Zukunft tatsächlich abgebaut werden – oder wie unsere Kolleg:innen in der Zulieferindustrie außerhalb der EU arbeiten müssen.

Genau hier setzte die Bildungsreise der Naturfreunde Niedersachsen an: Mit knapp dreißig betrieblichen Kolleg:innen sowie Vertreter:innen verschiedener Nichtregierungsorganisationen aus Deutschland und Österreich reisten wir im Herbst 2025 nach Belgrad, Bor und ins Jadar-Tal – mitten hinein in jene Regionen, die heute die globale Autoindustrie versorgen, unter anderem Volkswagen, Mercedes und Stellantis.

Selbstbewusste Arbeiterinnen in Belgrad

Schon der erste Austausch in Belgrad hinterließ tiefe Eindrücke. Organisiert durch die unabhängige Initiative Radnički glas (übersetzt: Arbeiterstimme), trafen wir Arbeiter:innen aus vier Autozulieferbetrieben – fast ausschließlich Frauen, einige alleinerziehend. Sie arbeiten für 500 bis 600 Euro im Monat, knapp über dem serbischen Mindestlohn, und das bei nahezu westeuropäischen Preisen für Lebensmittel. Um ihren Lebensunterhalt bestreiten zu können, arbeiten viele von ihnen sechs Tage in der Woche.

Die einen stecken Kabel für Scheinwerfer und Rücklichter, die anderen flechten Kabelbäume, die das Lenkrad mit der Elektronik verbinden. Besonders hart ist die Arbeit in den Bereichen, in denen Kunstleder verklebt wird: Dort herrschen dauerhaft Temperaturen von rund vierzig Grad, und die Arbeiterinnen sind giftigen Dämpfen ausgesetzt.

Uns begegneten selbstbewusste, solidarische Frauen mit klaren Forderungen nach besserem Arbeitsschutz und höheren Löhnen. In vielen Betrieben entstehen derzeit unabhängige Gewerkschaften, die sich ausdrücklich von den regime- und staatsnahen Alt-Gewerkschaften abgrenzen. Getragen werden sie von Kolleg:innen, die die gewerkschaftliche Organisierung zusätzlich zur Schichtarbeit stemmen. Freistellungen, wie wir sie bei Betriebsräten in Deutschland kennen, sind für sie ein Fremdwort.

Verhandlungsberechtigt sind Gewerkschaften laut serbischem Gewerkschaftsgesetz erst dann, wenn sie mehr als 15 Prozent der Belegschaft organisiert haben. Das erfordert enormen Einsatz. Was uns besonders beeindruckte: Viele Kolleg:innen unterstützen zudem als Privatpersonen die landesweite Demokratiebewegung – im Betrieb jedoch sind politische Themen wie die Unterstützung der Studierendenbewegung und der Opposition kein Thema.

Wachstum ohne Teilhabe

Am nächsten Tag gaben uns Wissenschaftler des Instituts für Vergleichendes Recht einen Überblick über die ökonomischen Rahmenbedingungen in Serbien. Ihren Berechnungen zufolge liegt ein auskömmliches Einkommen bei etwa 1.200 Euro im Monat. Das durchschnittliche Einkommen ist in den vergangenen Jahren zwar stark gestiegen und liegt aktuell bei rund 980 Euro – dennoch bleibt es für viele Arbeiter:innen deutlich darunter.

Gleichzeitig wirbt die serbische Regierung mit massiven Subventionen um ausländisches Kapital, ohne die staatlichen Beihilfen an soziale oder ökologische Bedingungen zu knüpfen. „Egal, welches Angebot Sie erhalten – bei uns bekommen Sie es zehn Prozent günstiger“, zitieren die Wissenschaftler das inoffizielle Motto der Regierung.

Bodenschätze würden – anders als noch zu Zeiten Jugoslawiens – weitgehend unverarbeitet exportiert. Die Folge sei eine äußerst geringe Wertschöpfung. Gewinne flössen ins Ausland und die strategischen Entscheidungen würden von Konzernen getroffen. Die Probleme globaler Lieferketten zeigen sich in Serbien in besonders deutlicher Form.

Kupfer für die E-Mobilität: Eine Region am Limit

Unsere Reise führte uns weiter nach Bor, eine ostserbische Bergbaustadt mit rund 35.000 Einwohner:innen. Seit über hundert Jahren wird dort Kupfer abgebaut. Heute zählt Bor zu den wichtigsten Kupferstandorten Europas.

2018 übernahm die chinesische Zijin Mining Group den ehemals staatlichen Betrieb. Neue Minen wurden erschlossen, der Kupferabbau massiv ausgeweitet, und der Bedarf an Arbeitskräften stieg stark an. Über 10.000 Arbeiter aus China und Afrika wurden zusätzlich angeworben.

Der Staub dringt überall ein – in Ohren, Nase und Augen. Nach einer Schicht bist du völlig schwarz.

Auch hier trafen wir Gewerkschafter, diesmal ausschließlich Männer, neben einem Vertreter der Initiative Radnički glas sechs weitere Kollegen, jeweils Mitglieder verschiedener Gewerkschaften, die im Zijin-Konzern aktiv sind. Auch sie berichteten von extremen Arbeitsbedingungen. Einer von ihnen arbeitet unter Tage an dieselbetriebenen Zertrümmerungsmaschinen. Die körperlich schwere Arbeit wird begleitet von einer enormen Lärm- und Schmutzbelastung. „Der Staub dringt überall ein – in Ohren, Nase und Augen. Nach einer Schicht bist du völlig schwarz“, schilderte er. Zwar habe Zijin neue, sauberere Generatoren angeschafft, doch durch die massive Ausweitung der Produktion sei der Effekt verpufft. Ein anderer Kollege aus dem Bereich der Schmelzöfen berichtete immerhin von einer verbesserten Luftqualität nach Modernisierungen.

„Autoindustrie – die verdienen doch nix“, bemerkte einer der Kollegen in Anspielung auf die Frauen aus den Zulieferbetrieben, die wir getroffen hatten. Tatsächlich gilt die Autozulieferindustrie in Bor als Niedriglohnsektor – vergleichbar mit der Situation in Westeuropa bis in die 1970er-Jahre.

Die Bergarbeiter verdienen zwar deutlich mehr, dennoch ist auch bei ihnen die Lohnhöhe ein zentrales Thema in den Tarifverhandlungen. Allerdings verhandelt jede Gewerkschaft einzeln – sehr zur Freude der Konzernführung, die Belegschaften so gegeneinander ausspielen kann.

Viele der heute noch geltenden Sonderregelungen stammen aus jugoslawischer Zeit: bessere Gesundheitsversorgung, mehr Urlaub, frühere Pensionierung. Diese Errungenschaften sind Zijin ein Dorn im Auge. Die meisten Gewerkschaften konzentrieren sich auf Verhandlungen über die Höhe des Lohns und die Regulierung der Arbeitszeit. Die alten „Privilegien“ betrachten sie dabei als Verhandlungsmasse. Die Gewerkschaften sind zersplittert, der Handlungsspielraum ist gering. Optimismus war in dem Gespräch kaum zu spüren.

Umweltzerstörung in Bor

Die Luft in Bor ist stark verschmutzt. Morgens liegt oft ein Schleier über der Stadt. Große elektronische Anzeigetafeln zeigen die Schadstoffwerte an – helfen den Bewohner:innen aber wenig. Früher, als Jugoslawien noch existierte, so erinnern sich viele, seien die Straßen täglich vom giftigen Staub gereinigt worden. Heute geschieht selbst das nicht mehr.

Vor dem ÄrztehausAnzeigetafel mit Schadstoffwerten vor dem Ärztehaus in Bor | Foto: Lars HirsekornDie Ausweitung des Tagebaus zerstört ganze Dörfer. Zwölf sind bereits verschwunden, weitere folgen. Durchschnittlich alle zwei Stunden erfolgen Sprengungen, Häuser bekommen Risse, Wasser wird verseucht, die Staubbelastung steigt weiter. Immer mehr Menschen verlassen die Region.

Jadar-Tal: Widerstand gegen Lithium

Unsere letzte Station war das Jadar-Tal im Westen Serbiens – eine landwirtschaftlich geprägte Region mit vergleichsweise guten Lebensbedingungen. Dass hier eines der weltweit größten Lithiumvorkommen entdeckt wurde, empfinden viele nicht als Segen, sondern als Fluch.

Während Lithium in der Automobilindustrie als Schlüsselrohstoff für Batterien gilt und die EU-Kommission den Abbau im Jadar-Tal zum strategischen Projekt für die Entwicklung der Elektromobilität erklärt hat, lehnen vor Ort rund zwei Drittel der Bevölkerung das Vorhaben ab. Sie fürchten um Böden, Wasser und die Zukunft ihrer Kinder.

Wenn wir über Transformation sprechen, müssen wir auch über die Rechte der Menschen am Anfang der Lieferketten sprechen.

Der Widerstand ist gut organisiert, tief in der Region verwurzelt und eng mit den landesweiten Protesten gegen Korruption verbunden. Trotz aller Risiken ist der Optimismus groß – und ansteckend. Die Menschen glauben an ihre gemeinsame Kraft. Dieser Mut hat uns tief beeindruckt.

E-Mobilität darf nicht Gesundheit gefährden und Umwelt zerstören

Die Reise hat unserer Gruppe deutlich gemacht: Die Transformation zur E-Mobilität ist eine soziale Frage – weit über unsere eigenen Standorte hinaus. Kupfer und Lithium sind Grundbausteine unserer elektrischen Zukunft. Doch ihr Abbau darf nicht auf Ausbeutung, Gesundheitsgefährdung und Umweltzerstörung beruhen. Klima-, Umwelt- und Arbeitsrechte dürfen nicht gegeneinander ausgespielt werden.

Wenn wir über Transformation sprechen, müssen wir auch über die Rechte der Menschen am Anfang der Lieferketten sprechen. Ihre Situation kann uns nicht egal sein. Für sie tragen wir auch hier bei uns Verantwortung.

Unsere Reisegruppe plant eine Rückbegegnung mit serbischen Kolleg:innen in Deutschland und Österreich und hofft dafür erneut auf die Unterstützung der Stiftung Menschenwürde und Arbeitswelt. Wir brauchen internationale Solidarität und mehr länderübergreifende Zusammenarbeit an der gewerkschaftlichen Basis.


Erstabdruck bei der Stiftung Menschenwürde und Arbeitswelt
https://www.stiftungmunda.de/blog/e-mobilitaet-am-beginn-der-lieferketten

Unterstützen Sie uns! Spenden und Zustiftungen für die Stiftung Menschenwürde und Arbeitswelt sind herzlich willkommen. Gerne stehen wir für ein persönliches Gespräch bereit. Vielen Dank!

Wir danken der Stiftung für das Publikationsrecht.

Die strategische Neuorintierung der USA

Mit einer Mischung aus Entsetzen, Empörung und Unglauben verfolgen die meisten Menschen das, was uns der oberste Knopfdrücker des US-Imperiums gerade vorführt. Doch bleibt man auf einer oberflächlichen Ebene stehen, wenn man jetzt mit Charakterstudien politische Zusammenhänge zu begreifen versucht. Vergessen sollte man nicht, dass Politiker in der Regel nur an der Regierung sind und nicht an der Macht. Es ist das monopolistische Kapital, das die Grundlinien der Politik im heutigen Kapitalismus formuliert. Dafür hat es seine Thinktanks, die Strategien entwerfen, um die bestehenden Machtverhältnisse zu verteidigen oder auszuweiten. Und der Punkt ist, dass es jetzt einen Strategiewechsel der USA gibt, der die Phase der neoliberalen Globalisierung beendet. Worin die Grundzüge dieser Neuorientierung bestehen, analysiert der folgende Artikel von Ruben Schattvoj, der im Overton Magazin erschienen ist:

https://overton-magazin.de/hintergrund/politik/panam-das-ende-der-europaeischen-illusion/






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